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Faszination? U-Boot - Gefangene Wölfe

 

Gefangene Wölfe
© Paul Carell-Günter Böddeker / Die Gefangenen - Leben und Überleben deutscher Soldaten hinter Stacheldraht / Ullstein Verlag Frankfurt/M. / © by Webmaster
 
Fortsetzung

 Die Chaleurbucht
Die Chaleurbucht, durch das Seerohr fotografiert. U 536 unter Kapitänleutnant Schauenburg war mit der Sonderaufgabe betraut worden, Otto Kretschmer und seine "Escaper"-Gruppe nach der Flucht aus Bowmanville abzuholen

Es ist Herbst 1943, Kriegsgefangenenlager Bowmanville, oben am Ontariosee; einst eine Anstalt für schwererziehbare Jugendliche. Und da die auch nicht ausbüchsen sollten, war das Anwesen als Gefangenenlager wie geschaffen. Nun saßen hier deutsche U-Bootfahrer, Flieger aus der Battle of Britain und Soldaten von Rommels Afrikakorps. Und wie alle Gefangenen der Welt beherrschte auch sie nur ein Gedanke: Wie komme ich hier raus?
Im Schlafsaal der ehemaligen Schulzöglinge schliefen die jüngeren Offiziere; in den Räumen der ehemaligen Aufsichtslehrer darum herum wohnten die Stabsoffiziere. Prominente U-Boot-Kommandanten waren darunter, zum Beispiel Tonnagekönig Otto Kretschmer, Jahrgang 1912, Kommandant von U 99, Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern für 313 611 Tonnen versenkten Schiffsraum, Kapitänleutnant Hans Jenisch, Kommandant von U 32, Kptltn. Herbert Wohlfahrt, Kommandant von U 556.
Im Lager schwirrte es von Fluchtprojekten, Escaperpläne war der Fachausdruck. Kapitän Kretschmer war deutscher Lagerkommandant. Das hinderte ihn nicht, mit einigen Kameraden einen raffinierten Escaperplan auszuhecken.
Wie bei allen Fluchtplänen war auch hier der Kerngedanke, eine Röhre unter dem Drahtzaun zu buddeln. Und dann? Ja für das "dann" hatte Kretschmer eine ganz besondere Idee.
Jeder U-Bootoffizier hatte für den Fall, daß er aus der Gefangenschaft korrespondieren mußte, einen raffinierten Code, der im Text der Briefe an Eltern, Ehefrauen oder Bräute untergebracht wurde, den Geheimschlüssel Irland im Kopf: Buchstaben in bestimmter Reihenfolge untergebracht und in richtiger Folge gelesen, ergaben eine geheime Mitteilung.
Die Angehörigen der U-Bootoffiziere waren deshalb gehalten, von allen Briefen, deren Inhalt oder Formulierung ihnen seltsam erschien, dem BdU Kenntnis zu geben.
Darauf baute Kretschmer seinen Plan. Der 1. Wachoffizier von U 99, von Knebel-Döberitz, bekam den Auftrag, in den Briefen an seine Mutter die Mitteilung an den Befehlshaber der deutschen U-Boote, Admiral Dönitz, über den Escaperplan unterzubringen, und anzufragen, ob er bereit sei, ein U-Boot an die Ostküste Kanadas in den St. Lorenzstrom zu schicken, um die U-Bootmänner nach geglückter Flucht aufzunehmen und nach Hause zu bringen!    Und was sagte Dönitz?
Die U-Bootführung brachte solchen Escaperplänen großes Interesse entgegen. Frau von Knebel-Döberitz versteckte in einem rührenden Antwortbrief an ihren Sohn die positive Replik des BdU und die Ankündigung von Hilfslieferungen. Mit diesen Hilfsleistungen kam auch ein Funkschlüssel. Ein Luftwaffenoffizier hatte in die hohlen Beine eines selbstgezimmerten Tisches eine Funkempfangs- und Sendeanlage gebastelt. Zusammen mit dem nach Bowmansville eingeschleusten Funkschlüssel hatte der BdU seinen Männern sogar auch eine eigene Welle zugewiesen. Die Energie für die Sendeanlage wurde aus dem kanadischen Leitungsnetz genommen. Das wurde angezapft.
An der Tunnelröhre arbeiteten rund 50 Offiziere. Das anfallende, nasse, Erdreich wurde auf dem Dachboden der Anbauten die um das Haus herumliefen gelagert.
Doch eines Tages fiel alles, im wörtlichsten Sinne, ins Wasser. Der Stollen soff ab. Wassereinbruch. Man wußte, daß auch Hauptmann von Casimir an einem Tunnel arbeitete.
Der Plan, der viele von den zahllosen Escaper-Träumen vereinigte, war, eine Massenflucht zu starten. Sternförmig sollten so an hundert Mann ins Land hinein nach allen Richtungen aufbrechen. Kretschmer und seine Freunde, darunter von Knebel-Döberitz, Kptltn. Horst Elfe und Kptltn. Hans Ey wollten Maisonette Point an der Chaleurbucht anstreben und dort auf das abholende Boot warten. Die Marschroute hatten sie auf dem Blatt eines Schulatlas ausbaldowert.
Der Tunnel wuchs. Sie arbeiteten unermüdlich.
War es dieser Eifer, die rege Tätigkeit, hatte sich der Leichtsinn ausgebreitet, gab es einen Spitzel, oder hatten die Kanadier den Schlüssel Irland geknackt und längst Wind von dem Unternehmen und nur noch keine genaue Information? Jedenfalls geschah nur wenige Tage vor dem Ausbruch etwas Unerklärliches. Der dicke Staff-Sergeant Newman erschien am Vormittag mit drei Mann. Kontrolle!
Newman entdeckte die auf dem Dachboden gestapelte Erde. Kurze Zeit später wurden beide Fluchttunnel entdeckt.
Die Enttäuschung war grenzenlos. Aber aufgeben? Nein! Doch wie? Der Tunnelbau war erstmal aus. Die Lösung kam von Kptltn. Heyda, ehemaliger Kommandant von U 434. Er wollte nicht unter, sondern über den Stacheldraht hinweg. Außerhalb und innerhalb des Drahtzaunes stand je ein Holzmast. Von einem zum anderen lief das Stromkabel, das, über den Zaun hinweg, das Lager mit Strom versorgte. Er hatte sich Steigeisen gebaut. Dann einen Bootsmannstuhl gezimmert: ein Brett, das an Tauen hängt; oben brachte er hölzerne Führungsrollen an. Der Plan war: am Stromkabel über den Zaun.
Eine Massenflucht über das Stromkabel war jedoch nicht möglich.
Der einzige der aus dem Lager flüchtete war Kptltn. Heyda. Er erreichte auch die Chaleurbucht.
Das U-Boot war tatsächlich schon am Ort der Handlung. Im Juli 1943 hatte Admiral Dönitz anläßlich einer Rückmeldung von einer Feindfahrt, zu Kptltn. Rolf Schauenburg gesagt: "Schauenburg, ich habe etwas besonderes für Sie, ein Sonderunternehmen an der kanadischen Küste, haben Sie Lust?" Natürlich hatte Schauenburg Lust.
Während Schauenburg und seine Männer von der Brücke ihres U-Bootes angestrengt durch ihre Doppelgläser zum Strand spähten, wurde Heyda schwer bewacht in den Oberraum des Leuchtturms von Maisonette Point gebracht. Was er dort sah und hörte, ließ ihm das Blut gefrieren: Englische Seeoffiziere waren da. Funkgeräte waren aufgestellt. Und dann kam die explosive Frage des Engländers an Heyda: "Sind Sie vielleicht der Mann, den Kapitänleutnant Schauenburg mit seinem Boot abholen soll?"


Das aufregendste und größte Fluchtunternehmen der deutschen Kriegsgefangenengeschichte ist mit dem Namen Papago-Park verbunden. Papago-Park war ein amerikanisches Kriegsgefangenenlager im südwestlichen US-Staat Arizona, der sich zwischen dem Colorado-Plateau und dem Grand Canyon und der mexikanischen Grenze erstreckt.
U-Boot beim Auslaufen U-Boot beim Auslaufen: Fritz Guggenbergers U 81

Am 13. November 1941 stampfte ein Verband britischer Kriegsschiffe durchs Mittelmeer nach Westen: zwei Flugzeugträger, ein Schlachtschiff und sieben Zerstörer. Von der Brücke des Trägers Ark Royal blickte Kapitän Maund gegen den westlichen Horizont. Er war zufrieden. Doch da passierte es: Eine gewaltige Detonation donnerte an der Bordwand auf, ein harter Schlag erschütterte das mächtige Schiff. 1 200 Meter von der Ark Royal entfernt ging der Schütze, der dem Flugzeugträger den schweren Schlag versetzt hatte, gerade auf Tiefe: das deutsche U-Boot U 81, Kommandant Kptltn. Fritz Guggenberger. Der Flugzeugträger, 31 000 Tonnen groß, Besatzung 1 575 Mann, sank wenige Meilen vor dem rettenden Hafen. Guggenberger erhielt für die Versenkung der Ark Royal das Ritterkreuz. Er war nun eins der Asse von Admiral Dönitz grauen Wölfen.
Zwei Jahre später pirscht Kptltn. Fritz Guggenberger, jetzt Kommandant von U 513, in den Gewässern vor der brasilianischen Küste, als ein amerikanisches Kampfflugzeug, mit der tiefstehenden Sonne im Rücken, heranschießt. Der Pilot stößt durch das Flagfeuer und setzt zwei Bomben direkt neben das Boot. Mit dem Bug voran geht es in die Tiefe. Sieben Mann, Geschützmannschaft und Turmbesatzung, können sich retten. Einer von ihnen ist der Kommandant Fritz Guggenberger, er war schwer verwundet und blutete. Die amerikanische Maschine warf ein Schlauchboot ab, die sieben Deutschen zogen sich in das Gummiboot. Am nächsten Morgen stampfte der US-Kreuzer Barnegat heran. Er nahm die Deutschen an Bord.
Fritz Guggenberger war im Marine-Hospital Bethesda bei Washington zweimal operiert worden. Nach seiner Genesung wurde er in des Vernehmungslager Fort Hunt geschafft. Und ausgerechnet hier in Amerika begegnete er Kptltn. August Maus. Guggenberger und Maus wurden nach dem Abschluß der Verhöre durch die Amerikaner in das Lager Crossville im Staate Tennessee geschafft. Hier trafen sie auf weitere U-Boot-Offiziere, die, wie sie selbst, nicht Gefangene bleiben wollten. Darunter waren Fregattenkapitän Jürgen Wattenberg, Kptltn. Jürgen Quaet-Faslem und Kptltn. Hans Werner Kraus.
Anfang 1944 wurden Guggenberger, seine Kameraden und eine Reihe anderer deutscher Gefangener aus dem Lager Crossville in das Lager Papago-Park transportiert.
Es war August 1944, als sich die Fluchtpläne der Gefangenen verdichteten. Die Gefangenen im Lagerbezirk 1 A von Papago-Park beschlossen, sich durch die Erde zu graben. Unter dem Stacheldraht hindurch, weiter unter dem Patrouillenweg, bis ins Gebüsch. Dort, wo Laub und Äste Tarnung boten, sollte der Tunnel wieder die Erdoberfläche erreichen.
Der Einstieg zum Fluchttunnel im Lager Papago-Park Schauplatz einer Massenflucht: Der Einstieg zum Fluchttunnel im Lager Papago-Park
Doch es war ja nicht damit getan, einen Tunnel zu bauen. Es mußte die Ausrüstung für die Flucht durch Arizonas Wüste zusammengestellt werden. Kptltn. Hans Werner Kraus befaßte sich mit der Herstellung von Ausweisen.
Vier Monate nach dem ersten Spatenstich war der Tunnel fertig. Doch: Die Gefangenen wußten nicht, ob sie genau gearbeitet hatten. Führte der Tunnel tatsächlich exakt an der Stelle ans Tageslicht, die sie ausgesucht hatten? Fritz Guggenberger und Jürgen Quaet-Faslem krochen am 20. Dezember 1944 durch die ausgeschachtete Fluchtröhre, bis an ihr Ende.
Die Tunnelbauer musterten noch einmal die Vorräte. Tag und Stunde der Flucht standen unmittelbar bevor. In der Nacht zum 24. Dezember 1944 wollten sie in den Tunnel kriechen und nach Süden durchbrechen, nach Mexiko.
Um 9.45 Uhr abends am 23. Dezember 1944 öffnete Fritz Guggenberger den mit Erde und Gras bedeckten Deckel, der den Tunnelausgang verbarg.
Die Flüchtlinge hatten sich getrennt. Einzeln und in Gruppen versuchten sie, sich nach Süden durchzuschlagen, 25 Mann.
Am 28. Januar 1945, morgens um 3.30 Uhr Ortszeit, 37 Tage nach dem Ausbruch aus dem Lager Papago-Park, gab der letzte Deutsche, Fregattenkapitän Jürgen Wattenberg, die Flucht auf.
Für Kptltn. Fritz Guggenberger endete anderthalb Jahre später, im August 1946, die Gefangenschaft. In Bad Aibling mußte der Kapitänleutnant ein letztes Verhör über sich ergehen lassen. Er nannte seinen Namen. Der amerikanische Vernehmungsoffizier stutzte und sagte: "Guggenberger? Sind Sie der Mann, der den britischen Flugzeugträger Ark Royal versenkt hat?" "Ja", sagte Guggenberger. Der Amerikaner stand auf und kam einige Minuten später in Begleitung eines englischen Offiziers wieder herein. Der Brite streckte Guggenberger die Hand hin und sagte: "Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich war Seekadett auf der Ark Royal. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem ausgezeichneten Schuß."
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