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Unterseeboot 995

Es war am 25. April des Jahres 1944. Die schlanke Silhouette eines U-Bootes glitt aus dem Küstenschatten der Kieler Förde, entschwand in der Dunstglocke eines ungewissen Horizontes, mit sich tragend die vage Hoffnung auf Heimkehr. Es handelte sich um das am 22. Juli 1943 auf der Helling von Blohm & Voss vom Stapel gelaufene und am 16. September 1943 von Kptl. Köhntopp in den Dienst der deutschen Kriegsmarine gestellte U 995, das zu seiner ersten Unternehmung auslief. Ein grauer Wolf, einer von vielen aus den Rudeln der Jäger und Gejagten in mörderischen Geleitzugschlachten des Atlantischen Ozeans, Angreifer und Verfolgter in südlichen Gewässern und in dunklen, grausamen Nächten im eisigen Polarmeer.

U 995 bei seiner Rückkehr nach Kiel
Mehr als zwanzig Jahre später, am 18. August 1965, tauchte die schmale Silhouette von U 995 wieder vor dem Kieler Hafen auf. Zerzaust und zerfleddert machte gegen drei Uhr der nunmehr alte graue Wolf an der Pier des Marinearsenals fest.

 

Lebenslauf U995 - Fortsetzung
Im Jahre 1947 konnte sich Norwegen die drei VII-C-Boote U 926, U 995 und U 1212 als Kriegsbeute auswählen. Im Herbst desselben Jahres entfernte man von U 995 die Artilleriewaffen und änderte den Turmaufbau. Gleichzeitig wurde von individueller Zellen-Ventilation auf gemeinsame Batterieraumentlüftung umgerüstet. Am 6. Dezember 1952 hißte man erstmals die norwegische Flagge an Bord von U 995. Aus U 995 wurde KNM Kaura (NATO-Bezeichnung S 309).
Das ehemalige U 995 - KNM Kaura läuft unter norwegischer Flagge in den Stützpunkt Bergen ein
Das ehemalige U 995 - KNM Kaura läuft unter norwegischer Flagge in den Stützpunkt Bergen ein. Im Päckchen zu erkennen sind ein weiteres ehemals deutsches Boot und englische Bootsklassen, die nach dem Kriege an Norwegen abgegeben worden waren


Nach größeren Umbauten im Herbst 1957 auf U 995 setzte man das Boot mit einer Besatzungsstärke von 45 Mann als ein Glied in der Küstenverteidigung ein. Es nahm an vielen großen NATO-Flottenübungen teil, besuchte unter norwegischem Kommando England, das Land, gegen das es einst hinausgefahren war.
Im Jahre 1965 beschloß die norwegische Marine, der Bundesmarine das Boot zum Geschenk zu machen. Nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei diesem Weltkrieg-II-U-Boot um den berühmten Typ VIIC handelt, ist mit ihm der Glanz und die Tragik unserer U-Boot-Waffe und das Seemannslos der U-Boot-Fahrer auf das engste verwoben. Obwohl die Mehrzahl der deutschen Tauchboote von gleicher Bauart war, ist es nicht möglich gewesen, eines in unserem Lande der Nachkriegszeit zu erhalten. Beachtenswert ist daher die freundliche Geste der Norweger, uns, ihren früheren Gegnern, als Zeichen der Aussöhnung ein derartiges Angebot zu unterbreiten.
Die Rückführung des Bootes
Für die Rückführung des Bootes nach Deutschland war es erforderlich, am Heck einen Flaggenstock aufzuriggen

Das Boot verhohlte am 8. Oktober 1965 zum U-Boot-Bunker in Laskewag bei Bergen und dockte in Box 1. Der Germanische Lloyd stellte die Überführungsbescheinigung aus. Um 15.10 Uhr am 14. Oktober 1965 nahm der Schlepper Fairplay II ex U 995 auf den Haken und trat den Marsch nach Kiel an.
Das Boot bietet einen armseligen Anblick
Unaufhörlich zerfrißt der Rost die Planken des einstmals stolzen Bootes.

Im Oktober 1967 erwog man erstmals, es vor dem Laboeer Marine-Ehrenmal aufzustellen. Vor dem U-Boot-Ehrenmal Möltenort des Ersten und Zweiten Weltkrieges fand man keinen Platz dafür. Man fürchtete, die Silhouette des Badestrandes mit solcherlei Kriegsgerät zu verschandeln. Der Deutsche Marinebund e.V. erbot sich, die Betreuung zu übernehmen. Fregattenkapitän a.D. Rohlfing zufolge, damaliger Vorsitzender des Deutschen Marinebundes, sollte es am Strand auf einem Sockel auf Position gebracht werden. Während der rostrot gewordene Wolf bedenkliche Narben bekam, sprach sich Vizeadmiral Jeschonnek im September 1968 für Bremerhaven als Ausstellungsort aus. Es wurde nichts daraus. Es wurde still um den alten Wolf. Der Rost zerfraß ihn. Wie zur endgültigen Verdammung verurteilt, schwoite er, einem alten Fossil gleichkommend, in einer trüben Ecke des Arsenalhafens seinem Ende, wie es schien, unaufhaltsam entgegen. Nach jahrelangem Tauziehen war Anfang 1970 zu vernehmen, U 995 werde vom Deutschen Marinebund übernommen und auf einem Podest neben dem Laboeer Ehrenmal aufgestellt, die Bundesmarine lasse es im Marinearsenal Kiel instandsetzen.
Blick in die Turmwanne Blick in die Turmwanne
Am 28. Juli 1970 gab das BMVg endgültig grünes Licht für die Herrichtung durch das MArs Kiel und verfügte, U 995 durch die Marinedivision Ostsee mit einem Leihvertrag an den Deutschen Marinebund e.V. zu übergeben. Ein Arbeitsstab entschied, U 995 nach der Instandsetzung von einem Schwimmkran über eine eigens gebaggerte Fahrrinne in eine ausgehobene Grube vor dem Laboeer Ehrenmal abzusetzen und es dort bis zur Wasserlinie ins Erdreich einzuschlemmen. Doch dann änderte man das Konzept, nunmehr sollte das Boot doch, wie ursprünglich vorgesehen, auf ein Podest gestellt werden. Am Freitag, dem 25. September 1970, um 15.30 Uhr setzten zwei 400-t-Magnus-Schwimmkräne U 995 auf die Kaibefestigung des Marinearsenals Kiel. Die Restaurierung eines Wracks begann. Tonnenweise wurden Armaturen und Geräte zwischen den zwei Hüllen des Bootes ausgeschlachtet, verschrottet, weggeworfen. Eine neue Beplankung des Oberdecks war erforderlich.
Das Boot wird seinem Element entrissen
Behutsam heben die Schwimmkräne das alte VIIC-Boot auf die Pier des Marinearsenals und setzen es auf die Holzpallungen. Unter dem Bugsteven ist das Balkon-Gerät zu erkannen, das die Schwinger für das...
Der Beginn eines Museeums der besonderen Art
...Unterwasser-Horchgerät (Sonar) beherbergt. Der Balkon wurde erst in der Schlußphase des Krieges entwickelt und war nur in wenigen VIIC-Booten eingebaut. Während seiner Einsatzfahrten fuhr U 995 ohne Balkon
Räume mußte man herrichten und nach Befund komplettieren. Durchbrüche, Flutschlitze, Entlüftungen etc. wurden ausgebaut oder dichtgesetzt, die Eisen-Ballastgewichte aus dem Kiel genommen. 995 befand sich noch auf dem Gelände des Marinearsenals Kiel, als es am 2. Oktober 1971 mit feierlichem Zeremoniell von norwegischen Vertretern an Deutschland zurückgegeben wurde. Nunmehr sollte es zu seinem Aufstellungsplatz nach Laboe gebracht werden. Doch die ersten Aufstellungsversuche schlugen fehl. Am 25. und 26. September 1971 war der Schwimmkran defekt. Am 30. und 31. Oktober 1971, dem nächsten vorgesehenen Termin, mußte man das Vorhaben wegen Sturm ausfallen lassen. Am 4. November 1971 sahen die Leute am Ufer der Kieler Förde, wie zwei große Schwimmkräne das U-Boot die Förde hinauf nach Laboe bugsierten. Doch dort angelangt, mußte man unverrichteter Dinge den Rückmarsch mitsamt des Bootes zum Marinearsenal antreten, Niedrigwasser hatte die eigens ausgebaggerte Fahrrinne zum Strand vor dem Ehrenmal für die Kräne unpassierbar werden lassen. Die Rinne mußte nochmals vertieft werden, ehe U 995 am 13. März 1972 zu seinem letzten Liegeplatz am Fuße des Ehrenmals gebracht werden konnte.
U 995 in der Kieler Förde
Von armdicken Stahltrossen gehalten, schwebt U 995 die Kieler Förde hinauf, und erreicht die eigens ausgebaggerte Fahrrinne vor dem Marine-Ehrenmal...

Nach einer langen odysseeischen Fahrt hat das letzte deutsche U-Boot des Weltkrieges einen würdigen Ruheplatz erhalten. Seine scharfe Bugspitze richtet sich gegen die offene See, die es einst und die vielen anderen Boote hinauslockte. Und es mutete an, als lausche der allein übriggebliebene graue Recke dem sibyllinischen Raunen des Horizontes, das von einer in den Weltmeeren verschollenen großen Flotte kündet.
U 995 ist längst "das Boot vor dem Marine-Ehrenmal in Laboe" geworden.
Anfang 1990 mußte sich das zur maritimen Attraktion erhobene letzte graue Wolfsboot einer umfassenden Generalüberholung durch die Schiffswerft Laboe unterziehen lassen. Wind, Meersalz und Flugsand hatten zwischen der inneren und äußeren Bootshülle, wo die notwendigen Konservierungsmaßnahmen bislang verabsäumt worden waren, das Eisen völlig durchkorrodieren lassen. Das gesamte Boot mußte mit Stellagen eingerüstet werden, um die Bootshaut auszubessern. Die komplette Bugsektion wurde vorübergehend bis zum Druckkörperansatz abgenommen, die äußeren Torpedorohre abgebrannt und alle Originalteile aus der Stahlnase ausgeschlachtet. Dessen ungeachtet bleibt U 995 ein Besuchermagnet für Millionen.
U 995 kurz vor seinem Bestimmungsort, im Hintergrund das Marineehrenmal
...doch wegen Niedrigwassers kann das Boot nicht seinen Bestimmungsort erreichen und muß zurück ins Marine-Arsenal gebracht werden

Besucher, die sich fortan durch die Enge des Bootes bewegen, halbwegs gebückt, sich am Metall stoßend, werden zwangsläufig an die Einsatzbedingungen ehemaliger U-Boot-Fahrer erinnert.
Sie können ahnen, wie einmal ölverschmutzte Männer in der Tiefe lebten, angestrengt horchend, die Schraubengeräusche feindlicher Killergroups in den Ohren, das Krachen der Wasserbomben in unmittelbarer Nähe, wenn das Licht ausfiel, wenn die Spanten anfingen zu knistern...
Marine-Ehrenmal Marine-Ehrenmal Sommer 1976
Man kann förmlich die schiere Angst in den Augen der Besatzungen ahnen, ihre stummen Fragen auf Heimkehr, wenn der Sauerstoff in der Treibhausluft verbraucht war, wenn das Boot in die Unendlichkeit fiel, unwiderruflich, und der Wasserdruck letzten Endes die zerbrechliche Bootshülle zermalmte...
U 995 U 995 Sommer 1976
Es waren menschliche Wesen dort drinnen, fluchende, kämpfende, hoffende, die mit ihren Kameraden in dieser Todesfalle eingeschlossen waren. Abertausende Stunden der Angst erlebten die Männer in den engen Stahlröhren. Einzig das Vertauen in das Boot, seine Maschinen und Geräte nährte die Hoffnung in der Tiefe des Meeres, den Himmel und die Sonne wiedererblicken zu können.

 


U 995, das Boot vor dem Marine-Ehrenmal, legt Zeugenschaft ab von der Wahrhaftigkeit eines unerhörten Ringens auf allen Weltmeeren. Mögen die Schicksalsfahrten deutscher U-Boote, der Mut und die Tüchtigkeit ihrer Besatzungen unvergessen bleiben.
Die Flag von U 995 Die Flag von U 995 Sommer 1976

Ein unerschöpflicher Besucherstrom ergießt sich alljährlich durch diese Attraktion an der Kieler Förde. Was wirklich in den vielen neugierigen Köpfen vergehen mag, ist sicherlich von unterschiedlicher Natur,
Der Turm von U 995 Der Turm von U 995 Sommer 1976
aber alle nehmen sie die Vorstellung mit von jenen Umständen, unter denen U-Boot-Männer einst in ungastlicher Meerestiefe ihrer Pflicht nachkommen mußten.

 

 

 

Keine Blume ziert die Stelle, und kein Hügel deckt den Ort,
nur des Meeres ew'ge Welle ziehet brausend drüber fort.

Der Sog eines gesunkenen U-Bootes
Der Sog eines gesunkenen U-Bootes

Gottlob bleibt dieses grausame Schicksal so vieler Kameradenboote U 995 erspart. Es kehrte als eines der wenigen nach jeder Feindfahrt in seinen Hafen zurück.

 

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