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Faszination? U-Boot - Gefangene Wölfe

 

Gefangene Wölfe
© Paul Carell-Günter Böddeker / Die Gefangenen - Leben und Überleben deutscher Soldaten hinter Stacheldraht / Ullstein Verlag Frankfurt/M. / © by Webmaster
 

Zeichnung eines gefangenen Marineangehörigen
"Malings" nannten die gefangenen Marineoffiziere die Zeichnungen ihrer Kameraden.
Diese Weihnachtspostkarte von 1942 zeigt das Camp 30 (Bowmanville)

"DAS EINZIGE, WOVOR ICH IM KRIEGE WIRKLICH ANGST GEHABT HABE, WAR DIE U-BOOTGEFAHR"
"Winston Churchill"

Die Angst war begreiflich; denn das Überleben der Insel England hing von seinen 3000 Handelsschiffen ab, die Lebensmittel, Öl und fast alle Rohstoffe für die Wirtschaft über See heranbringen mußten.

Vierzigtausend deutsche U-Bootfahrer waren im Zweiten Weltkrieg die gefährlichsten Gegner Großbritanniens.

Ihr erfolgreicher Einsatz auf den Weltmeeren beschwor die Niederlage Englands herauf.

Die deutsche U-Bootwaffe war also der Schlüssel zum Sieg über England. Der Kampf gegen die deutschen U-Boote war daher Englands Kernproblem. Sieg oder Niederlage waren damit verknüpft.

Das England dieses Wettrennen gewann, dazu hat die Entzifferung des deutschen Marine-Funkverkehrs, der das Kernstück beim taktischen, operativen und strategischen U-Boot-Einsatz im Atlantik war, wesentlich beigetragen.

Etikette im Offizierslager Bowmansville
Etikette im Offizierslager Bowmansville/Kanada, Juli 1942. V.l.n.r.: Obfhr. z.S. Fischer, Streifensand, Kptlt. Elfe, Kptlt. v. Knebel-Döberitz, Oblt. z.S. Petersen, Kptlt. Hesselbarth, Korv. Kpt. Kretschmer, Obfhr. z.S. Rubahn, Kptlt. Schreiber, Obfhr. z.S. König, Oblt. z.S. Ipach.

Die Enigma-Schlüsselmaschine erbeuteten die Briten am 9. Mai 1941 auf U 110. Commander Baker-Creswell, Kommandant des Zerstörers Bulldog, schickte ein Enterkommando auf das langsam sinkende U-Boot, die Besatzung wurde an Bord der Bulldog genommen. Über das Schicksal des Kommandanten, Kptltn. Lemp, gibt es zwei Versionen. Nach der Ersten soll er Selbstmord durch Ertrinken verübt haben, realistischer ist jedoch die Zweite Version, die besagt, daß Lemp von einem Matrosen des britischen Enterkommandos erschossen wurde.
Am 12. Mai lief die Bulldog mit den Überlebenden von U 110 und mit zwei großen Behältern voll Enigma-Material in Scapa Flow ein.

Am 12. August 1941 wird U 570, unter dem Kommando von Kptltn. Rahmlow (es war die Erste Feindfahrt Rahmlow's als Kommandant, auch die Mannschaft war noch unerfahren), von einem britischen Hudson-Bomber angeflogen. Noch bevor das Boot auf Tiefe war, warf die Hudson ihre Wasserbomben. Ein kampferprobter kaltblütiger Kommandant hätte vielleicht versucht das Boot abzufangen und auf Tiefe zu halten, Rahmlow hielt es für richtiger, anblasen zu lassen und aufzutauchen. Die Hudson beharkte nun das Boot mit schwerem Feuer. Gegenwehr mit der an Bord befindlichen 2-cm-Flak blieb aus, da diese nicht klar war. "Kptltn. Rahmlow kapitulierte". Auf dem Turm von U 570 wurde eine weiße Flagge geschwenkt und auf Deck ein großes weißes Ding (höchstwahrscheinlich ein Tuch) ausgelegt. In der Morgendämmerung des 28. August 1941 wurde Rahmlow und seine Besatzung von einem Enterkommando von Bord geholt und auf den Trawler Northern Chief gebracht.
Es war geschafft. Das Undenkbare war geschehen: Ein deutsches U-Boot hatte kapituliert, war schwimmend in Feindeshand gefallen.
Kptltn. Rahmlow wurde von seiner Besatzung getrennt, seine Offiziere hingegen zusammen in ein Gefangenenlager auf die britische Insel gebracht, in dem U-Boot-Offiziere versenkter Boote untergebracht waren. Als die Männer im Lager Grizedale Hall ankamen, warteten die Insassen mit finsteren Gesichtern. Niemand wollte es glauben. So etwas gab es nicht! Es gab nur einen Befehl, der auf Biegen und Brechen zu befolgen war: Ein Boot, das nicht mehr tauchklar und nicht mehr kampffähig war, mußte versenkt werden. Kein U-Boot durfte in feindliche Hand fallen.
Die Offiziere Im Lager beschlossen, eine Untersuchung gegen drei Offiziere von U 570 einzuleiten: Gegen den 1. und 2. Wachoffizier sowie gegen den L.I., den Leitenden Ingenieur. Als einziger wurde Obltn. z.S. Berndt für schuldig befunden: Er hatte das Kommando, nachdem Rahmlow von Bord gebracht worden war, und hätte das Boot versenken können.
Nachdem sich das aus den Offizieren des Lagers gebildete Ehrengericht beraten hatte, kam es zu folgendem Urteil: "Feigheit vor dem Feinde". Der Erste Offizier und der Kommandant von U 570 würden sich nach dem Kriege vor einem Kriegsgericht zu verantworten haben. Bis dahin würden sie im Lager als Geächtete behandelt werden. Berndt wollte sich durch Flucht aus dem Lager und eine "Kriegsaktion" rehabilitieren, er wollte U 570 im schottischen Hafen Barrow-in-Furness versenken. Schon einen Tag nach seiner Flucht aus dem Lager ergriffen ihn englische Homeguards. Bei seinem Rücktransport versuchte er abermals zu flüchten und wurde Opfer einer Gewehrkugel.
Rahmlow hat nach seiner Rückkehr aus einer psychologisch gesehen trostlosen, von menschlicher Einsamkeit bestimmter Kriegsgefangenschaft, im Sommer 1943 war er im Camp Grande Ligne, Kanada (Quebec), die These von der weißen Flagge zurückgewiesen und seine Motive für die Kapitulation zu rechtfertigen versucht. Er ist inzwischen verstorben.

"Was uns ein gefangener deutscher General erzählen kann, ist nicht so wichtig wie das, was der kleinste U-Boot-Fahrer, den wir fangen, an Aussagen machen kann, wenn wir ihn zum Sprechen bringen können", sagte während des Krieges Admiral Sir Dudley Pound, der Erste Seelord und Admiralstabschef.
Wenige Wochen nach dem Fall U 570 wurde von der britischen Admiralität eine Sonderabteilung für Propaganda zusammengestellt. Die U-Boot-Flottillen wurden propagandistisch vom neu gegründeten Kurzwellensender Atlantik bombardiert. Den Ehefrauen der noch nicht in Gefangenschaft geratenen U-Boot-Fahrer wurden Pakete mit Lebensmitteln geschickt, als Absender wurde jedoch ein Kriegsgefangenenlager, z.B. Prisoner-of-War-Camp 301, genannt, womit die Ehefrau suggeriert bekam, ihr Mann wäre in Gefangenschaft und würde dort viel Geld verdienen. Keiner der Empfänger ahnte, wer die wirklichen Absender waren und welche Absichten hinter den Paketen steckten. Als Empfänger wurden stets Frauen herausgesucht, die noch in deutschen U-Boot-Stützpunkten lebten, also noch engen Kontakt mit anderen U-Boot-Frauen von Frontfahrern hatten. Gemäß dem Motto: "Eine Braut sagt's der anderen" hofften die Engländer, daß die Pakete ins Gerede kommen und die noch fahrenden U-Boot-Leute, unter dem Einfluß der Frauen, den Gang in die Gefangenschaft als eine verlockende Angelegenheit betrachten würden.

Am Abend des 19. August 1942 räumten deutsche Truppen den Strand des kleinen französischen Kreisstädtchens Dieppe am Ärmelkanal auf, wobei ein folgenschwerer Fund gemacht wurde. Ein deutscher Soldat, tot im Wasser, ein zweiter Deutscher schwer verwundet am Strand. Beide waren an Händen und Füßen gefesselt. Es ging sofort eine Meldung über die Division ans 81. Korps und von dort über den Oberbefehlshaber West ins Führerhauptquartier; Kriegsgefangene in Fesseln, das war ein schwerer Völkerrechtsbruch. Bei Sichtung der Kriegsbeute am Strand von Dieppe wurde ein Befehl gefunden, in welchem die Fesselung der Gefangenen angeordnet war.  +++Wo immer es möglich ist, werden den Gefangenen die Hände gebunden, damit sie ihre Papiere nicht vernichten können+++ Es handelte sich also nicht um einen Übergriff unterer Dienstgrade. Mitten im großen Krieg entstand auf diese Weise eine neue Front, sie trug den Namen "Fesslungskrieg".
Hitler war über die Sache so aufgebracht, daß er öffentliche Repressalien ankündigte. Das Oberkommando der Wehrmacht hat deshalb angeordnet, daß alle bei Dieppe gefangengenommenen britischen Offiziere und Soldaten ab 3. September 1942, 14 Uhr, in Fesseln gelegt werden. Der Grund für diese Behandlung wurde den Gefangenen bekanntgegeben.
Das britische Kriegsministerium hat daraufhin den Befehl widerrufen, und eine öffentliche Erklärung abgegeben. Aufgrund dieser Erklärung hat das Oberkommando der Wehrmacht (O.d.W.) die am 2. September 1942 mittags angekündigten Maßnahmen gegen die britischen Kriegsgefangenen aufgehoben.
Vier Wochen später wurde ein neuer Fall von Fesselung deutscher Kriegsgefangener auf der Insel Sercol festgestellt. Hitlers Zorn entfachte sich aufs neue. Das O.d.W. hatte Beweise, daß die Erklärungen des britischen Kriegsministeriums wahrheitswidrig abgegeben wurden, und ordnete seinerseits wieder Fesslungen britischer Kriegsgefangener an.   +++Vom 8. Oktober, 12 Uhr mittags, an werden sämtliche bei Dieppe gefangenen britischen Offiziere und Soldaten in Fesseln gelegt. Diese Maßnahme bleibt so lange wirksam, bis das britische Kriegsministerium nachweist, daß es in Zukunft wahre Erklärungen über die Fesselung deutscher Kriegsgefangener abgibt, oder daß es sich die Autorität verschafft hat, seine Befehle bei der Truppe auch durchzusetzen...+++ Churchill antwortete sofort und drohte seinerseits Repressalien an. Die kanadische Presse machte mobil und berichtete "die Hunnen brechen das Völkerrecht". Churchill beließ es nicht bei der Drohung, sondern befahl, 2000 gefangene deutsche Heeresangehörige und zwar Heeresoffiziere und Mannschaftsdienstgrade des Heeres in kanadischem und britischem Gewahrsam zu fesseln.
So kam es, daß eines Tages der kanadische Kommandant des Lagers Bowmanville dem Acting Camp Leader Korvettenkapitän Kretschmer, eröffnete, er werde einen Teil der im Lager befindlichen Heeresoffiziere fesseln lassen. Kretschmer protestierte "Dann leisten wir Widerstand". Damit war der Krieg erklärt. Krieg in der Gefangenschaft. Krieg zwischen den Gefangenen und ihren Wächtern.
Mit dem Tage, an dem die Fesselung beginnen sollte, blieben alle Gefangenen von Bowmanville dem Roll Call, dem täglichen Namensaufruf, fern und verbarrikadierten sich in den Häusern. Die kanadischen Wachmannschaften bekamen Verstärkung durch aktive Truppenteile. Am Vormittag wurden sie ins Lager geführt. Und dann begann die kurioseste Schlacht des zweiten Weltkrieges, die Battle of Bowmanville.
Ein interessantes und kurioses Nachspiel schleppte die Schlacht von Bowmanville allerdings noch eine Weile hinter sich her. Nach der Schlacht bekamen die in Bowmanville gefangenen Offiziere vom kanadischen Kriegsministerium eine lange und beachtliche Rechnung, was alles bei dem Aufruhr ruiniert worden war. Und die deutschen Offiziere, die ja auch in Gefangenschaft Löhnung erhielten, sollten zahlen. Das wollten sie natürlich nicht. Sie schickten an das kanadische Kriegsministerium eine Gegenrechnung, was ihnen alles kaputtgegangen und an Souvenirs abhanden gekommen war, vor allem die Orden und Uniformteile. Es entspann sich ein langer Briefwechsel zwischen dem Lager und dem Kriegsministerium. Schließlich wurde die Sache mit einem Vertrag, einem Friedensvertrag, bereinigt.
Im kanadischen Fesselungskrieg gab es aber auch noch ein schwäbisches Modell; im Lager Gravenhurst, nördlich von Bowmanville, wurde es exerziert. Unter dem Lagerkommandanten Oberstleutnant Meythaler.
Als Meythaler die Liste mit den Heeresoffizieren übergeben wurde, die sich zur Fesselung am Tor melden sollten, reagierten die Betroffenen mit Unterstützung des gesamten Lagers auf ungewöhnliche Weise. Sie erschienen von Stund an in Marineuniformen und führten die Namen von Marinekameraden. Es dauerte eine ganze Woche, bis die Kanadier die richtigen Leute aus der Lagerbesatzung fischten. Und als die Fesseln angelegt waren, da hielten sie keine Viertelstunde. Sie gingen immer wieder kaputt. Schließlich gab es von Nord bis Süd in Kanada keine Handschellen mehr und die Fesselung mußte mit allerlei Hilfsmitteln erfolgen, die natürlich noch weniger effektiv waren. Als die Sache zu Ende war, waren die Kanadier froh, froher als die Deutschen!

 

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