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Die Geschichte der Deutschen Marine - 1919 bis 1945

Geschichtlicher Überblick   (Fortsetzung)

3. Der Zweite Weltkrieg 1939 bis 1945
Linienschiff Schleswig-Holstein - eröffnete das Feuer auf die Westernplatte
Linienschiff Schleswig-Holstein
Als Schulschiff 1937/38 von der Auslandsreise zurückkehrend

Stapellauf/Bauwerft:
17.12.1905/Germania Werft, Kiel
Neubau Linienschiff »Q«
Schiffsart und -klasse:
Linienschiff
Typschiff: Deutschland
Schwesternschiffe: Deutschland, Hannover, Pommern, Schlesien
Besatzung:
749 bis 771 Mann

Technische Angaben:
Gewicht voll ausgerüstet: 14 218 ts L: 127,6 m; B: 22,2 m; T: 8,5 m Antrieb: Exp. Masch.; Geschw.: 18 kn
Bewaffnung:
In der Kaiserlichen Marine:
4 SK-28 cm; 14 SK-17 cm; 20 [18] SK-8,8 cm; 0 [2] Flak-8,8 cm; 4 [0] MK-3,7 cm; 6 TR-45 cm. 1917 desarmiert bzw. bewaffnet mit 6 Utof-10,5 cm; 4 SK-8,8 cm.
In der Reichs- u. Kriegsmarine:
4 SK-28 cm; 14 [12, 10 bzw. 0] SK-15 cm; 4 [0] SK-8,8 cm; 0 [6] Flak-10,5 cm; 0 [4] Flak-3,7 cm; 0 [4 bis 26] Flak-2 cm; 0 [10] Flak-4 cm; 4 [0] TR-50 cm.


Es war ursprünglich vorgesehen, Schleswig-Holstein 1939 außer Dienst zu stellen, um sie zum Fernlenkzielschiff herzurichten. Dazu kam es jedoch nicht. Auf Grund der Vorbereitungen zum »Fall Weiß« (Polenfeldzug) wurde sie statt des Kreuzers Königsberg Ende August nach Danzig zu einem Flottenbesuch entsandt. Von der Flugabwehr- und Küstenartillerieschule wurden für diese Fahrt 60 Mann mit 5 Flak-2 cm und 6 MG an Bord kommandiert. Außerdem übernahm Schleswig-Holstein am 24.8. auf See zwischen 20.33 Uhr und 22.03 Uhr von den Minensuchbooten M 8, M 5, M 3, M 4, M 7 und M 1 eine Stoßtruppkompanie der II. Marine-Artillerie-Abteilung von 225 Mann (2 Infanteriezüge, 1 Pionier-, 1 MG-, 1 schw. Granatwerfer-, 1 schw. MG- und 1 Nachrichtenzug). In Danzig machte das Schiff gegenüber der Westernplatte fest. Am 1.9.1939 eröffnete Schleswig-Holstein um 4.47 Uhr das Feuer auf die Westernplatte. Die Stärke der polnischen Stellung wurde jedoch unterschätzt, so daß die erwartete schnelle Niederkämpfung nicht möglich war und die Marinestoßtruppeinheit, ursprünglich nur für den Schutz des Schiffes, nicht für einen Einsatz auf der Westernplatte gedacht, empfindliche Verluste hatte (u.a. wurde auch der Führer der Stoßtruppkompanie, OL (MA) Henningsen, schwer verwundet). Erst als Stuka-Angriffe die Wasserversorgung zerstört hatten, Heerespioniere eingriffen, und das Linienschiff am 4. und 7.9. erneut die Stellungen beschossen hatte, ergaben sich die Verteidiger am 7.9. Schleswig-Holstein wurde anschließend den Monat September über gegen polnische Stellungen und Batterien im Raum Hela, Oxhöft, Ostrowo- und Hexengrund eingesetzt. Der Befehlshaber der Seestreitkräfte in der Danziger Bucht, KAdm. Schmundt, hatte vom 19.9. bis 11.10. seine Flagge an Bord gesetzt.
Mit der Kapitulation Polens wurde das Schiff wieder frei für Ausbildungsaufgaben.

Die Marine unterm Hakenkreuz

Für den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und Chef der Seekriegsleitung war Großbritannien Deutschlands Hauptgegner. Mit Ausnahme der Bismark und der Tirpitz wurde der Schlachtflottenbau stillgelegt, um alle Baukapazitäten für den U-Boots-Bau zu verwenden, eine Maßnahme, die von der politischen Führung nicht konsequent unterstützt wurde, da man dort hoffte, daß nach einem Sieg über Frankreich Großbritannien zum Friedensschluß bereit sein würde.
Schlachtschiff Bismarck
Schlachtschiff Bismarck
im Kieler Hafen an der Boje

Im Gegensatz zum Einsatz der Marine im Ersten Weltkrieg riß Großadmiral Raeder (Chef des Stabes der Skl Admiral Schniewind, später Admiral Kurt Fricke) das Gesetz des Handelns an sich und setzte die vorhandenen Streitkräfte geschickt und wirksam voll ein, wobei Technik und Versorgung (Nachschub), im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, eine Atlantikkriegsführung ermöglichte. Ihre Aufgaben lagen im Kampf gegen den Nachschub zum britischen Mutterland (also im Wirtschaftskrieg), später auch im Einsatz gegen den Nachschub nach Rußland, ferner in der größtmöglichen Bindung alliierter Seestreitkräfte durch Bedrohung der Nachschublinien. Auch sollte (und konnte) durch eine hierdurch zu erzielende Diversionswirkung erreicht werden, daß von bestimmten Gebieten gegnerische Streitkräfte abgezogen werden mußten und damit deutsche Kräfte entlastet wurden bzw. vorgesehene Aufgaben durchzuführen waren.
Schlachtschiff Tirpitz - Seitenansicht - Draufsicht Schlachtschiff Tirpitz

 

 

 

 

 

Im Laufe des Krieges erhielt die Kriegsmarine mit norwegischen, belgischen, niederländischen und französischen Häfen, vor allem an der Atlantikküste, Stützpunkte, die es ihr gestatteten, aus dem nassen Dreieck der Deutschen Bucht heraus dichter an das Einsatzgebiet Atlantik heranzukommen. Als die Briten 1941 die Luftherrschaft an der französischen Atlantikküste erlangt hatten - die Werftanlagen, vor allem in Brest, wurden ständig von Angriffen heimgesucht -, wurde klar, daß Überwassereinheiten von dort nicht mehr eingesetzt werden konnten und damit auch die kühnen Einsätze der Schlachtschiffe und Kreuzer im Handelskrieg im Atlantik nicht zu wiederholen waren, zumal die Luftüberlegenheit des Gegners auch die Entdeckung der deutschen Versorgungsschiffe weitgehend ermöglichte. Als Folge hiervon wurden Scharnhorst, Gneisenau und Prinz Eugen aus Brest nach Deutschland zurückbefohlen, was zur Unternehmung »Cerberus«, dem Kanaldurchbruch, im Februar 1942 führte.
Panzerschiff Admiral Graf Spee Panzerschiff Admiral Graf Spee
Da die Überlegenheit Großbritanniens (u.a. in der Stärke der Seestreitkräfte selbst, in der Luftherrschaft, im Vorsprung in der Radarortung) den schweren deutschen Seestreitkräften ab 1942 kaum eine Überlebenschance ließ, geschweige eine größere Aktivität gestattete, wurden die einsatzfähigen Kampfschiffe weitgehend in norwegische Gewässer verlegt, wo sie als »fleet in being« wirkten.
Bedingt durch die Ölknappheit, aber auch zur Vermeidung größerer Risiken (die gegnerischen Geleitzüge wurden z.T. von Flugzeugträgern gesichert) lagen im Jahre 1942 die Schlachtschiffe und Kreuzer tatenlos im Nordraum, während sich in Afrika und Stalingrad Katastrophen abzeichneten.
Silvester 1942 kam es zwischen der deutschen Kampfgruppe unter VAdm. Kummetz auf Admiral Hipper und einer britischen Geleitsicherung zu einem von den Deutschen abgebrochenen Gefecht, was für die Marine einschneidende Folgen hatte. Hitler wollte jetzt die in seinen Augen nutzlosen großen Schiffe verschrotten lassen und beharrte auch gegenüber Raeder auf diesem Standpunkt, worauf der Ob.d.M. nach 15jähriger Amtszeit seinen Abschied erbat, der ihm mit Wirkung vom 30.1.43 unter Ernennung zum Admiralinspekteur der Kriegsmarine, praktisch eine Ehrenstellung, gewährt wurde.
Als Nachfolger als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine hatte Raeder Hitler den Oberbefehlshaber der Marinegruppe Nord, GenAdm. Carls und den B.d.U., Admiral Dönitz vorgeschlagen. Hitler entschied sich für Dönitz, da auf die U-Boote der Hauptanteil des Seekriegs entfiel.
Zunächst stand Dönitz vor dem Problem der Außerdienststellung und Verschrottung der Schlachtschiffe und Kreuzer. Er ließ die alten Linienschiffe (Schulschiffe) Schleswig-Holstein und Schlesien, die beschädigte Admiral Hipper und die bedingt einsatzfähigen Leichten Kreuzer Leipzig und Köln außer Dienst stellen (jedoch nicht verschrotten) und zog zunächst Admiral Scheer, Lützow, Prinz Eugen und Nürnberg innerhalb des Ausbildungsverbandes der Flotte zu Schulzwecken heran, jederzeit bereit, sie im Bedarfsfall einsetzen zu können. Tirpitz und Scharnhorst jedoch blieben zur Verteidigung Norwegens und zur Bedrohung der Eismeergeleite in Nordnorwegen.
Schlachtschiff Scharnhorst Schlachtschiff Scharnhorst
Kaum hatte Dönitz das Problem der Überwasserstreitkräfte gelöst, brach im Februar 1943 die U-Boot-Kriegsführung zusammen. Großbritannien gelang es, mit Hilfe seiner Verbündeten Herr dieser seinen Lebensnerv bedrohenden Gefahr zu werden; aus Jägern wurden Gejagte. Neue Waffen, Antiradargeräte, ein neues Radarbeobachtungsgerät und letztlich die Entwicklung des Schnorchels erhöhten die Überlebenschance der U-Boote, die weiter am Feind blieben, jedoch nicht mehr in der Lage waren, eine Kriegsentscheidung zu erzwingen.
Im April 1943 wurde VAdm. Weichold als Sonderbeauftragter des Ob.d.M. beauftragt, nach Wegen zu suchen, die es ermöglichten, in der Küstenverteidigung mit neuen, dem Gegner unbekannten Waffen, durch Ausnützung des Überraschungseffektes zu Erfolgen zu kommen. Im April 1944 wurde dann offiziell das Kommando der Kleinkampfverbände gebildet und der ideenreiche KAdm. Heye (Hellmuth) zum Admiral der Kleinkampfverbände ernannt. Eine für den Ablauf des Krieges entscheidende Rolle konnten diese nicht spielen.
Kleinst-Schnellboot Hydra Kleinst-Schnellboot Hydra
Ab 1944 entstand in Zusammenarbeit des OKM und der Krögerwerft in Warnemünde der kleine Torpedoträger Hydra (Besatzung 2 bzw. 3 Mann;
L: 13.17 bis 13,21 m; B: 3,1 m; T: 1,88 m; Geschw.: 36 kn). Das Fahrzeug hatte 2-45 cm Heck-Torpedorohre. Von diesem Kleinst-Schnellboot wurden mehrere Serien bei 11 Werften in Auftrag gegeben, jedoch nur insgesamt 39 Boote fertiggestellt. Hydra ist im Schelderaum eingesetzt worden, ohne daß besondere Erfolge bekannt wurden.
Dönitz, der sich nicht in erster Linie als Chef der Seekriegsleitung, sondern als Oberbefehlshaber der Marine fühlte, ging, wenn er dies für vorteilhaft für das Ganze hielt, unkonventionell und frei von Ressortdenken vor. Gegen Ende des Krieges kam für die Marine noch einmal ein Zeitpunkt der Bewährung. Hier zeigte sich, daß die Führung aus den Fehlern des Ersten Weltkrieges gelernt hatte, daß es den Chefs der Marineleitung bzw. Oberbefehlshabern der Kriegsmarine, insbesondere also Raeder und Dönitz, gelungen war, Offiziere und Mannschaften zusammenzuschweißen und zu e i n e m Geist zu beseelen.
Mit dem Vormarsch der Roten Armee kam für die Überwasserstreitkräfte Gelegenheit zum Eingreifen. Schon im August 1943 war die Leipzig erneut in Dienst gestellt worden; im Frühjahr 1944 folgten Admiral Hipper und Köln, und ab Juli 1944 wurden bis zur Kapitulation laufend Einheiten des Ausbildungsverbandes der Flotte unter den Vizeadmiralen August Thiele und Bernhard Rogge zur Unterstützung des Heeres und zur Abschirmung deutscher Stützpunkte und Verladehäfen eingesetzt. In den letzten Monaten bis zur Kapitulation -die Kriegsmarine konnte die Seeherrschaft in der Ostsee halten- haben Kriegs- und Handelsschiffe Soldaten, Verwundete und Flüchtlinge vom Osten in das deutsche Reichsgebiet geholt.
Hilfskreuzer Hansa Hilfskreuzer Hansa = Schiff 5
Hansa fuhr in der Ostsee und wurde im August 1944 bei der Räumung von Reval eingesetzt. In den ersten Maitagen 1945 half die Hansa bei der Rückführung deutscher Truppen von der Halbinsel Hela. Hierbei erhielt sie am 4.5.1945 Minentreffer. Hansa überstand jedoch den Zweiten Weltkrieg und wurde an England zurückgegeben.
Der erste große Einsatz dieser Art erfolgte im September 1944, als aus Reval rund 50 000 Wehrmachtsangehörige und 85 000 Zivilisten abtransportiert wurden. Die große Evakuierungsaktion begann aber erst Ende Januar 1945 mit der Bedrohung Ost- und Westpreußens durch die vordringenden russischen Truppen. Aller verfügbarer Schiffsraum, Handelsschiffe aller Größen, Wohnschiffe, Hilfsfahrzeuge und die Kampfeinheiten selbst, wie Kriegsfischkutter, Fährprähme, Artillerieträger, aber auch die größeren Kampfeinheiten bis zum Schweren Kreuzer, wurden eingesetzt. Minensucher kontrollierten pausenlos die zugewiesenen Seegebiete (die britische Luftminenoffensive in der westlichen und mittleren Ostsee behinderte die Evakuierung erheblich).
Kriegsfischkutter Kriegsfischkutter KFK 5

Bei dieser Evakuierung über See konnten bei einer Verlustquote von 0,1 bis 0,2 Prozent - darunter das K.d.F.-Schiff Wilhelm Gustloff) - über 2 Millionen Soldaten, Verwundete und Flüchtlinge abtransportiert werden, eine Leistung, sowohl der die Operationen leitenden Geschäftsstellen als auch der Kommandanten, Kapitäne, Besatzungen und der vor Ort eingesetzten Personen.


(Im Ehrenmal Laboe ist eine Dokumentation dieser Rettungsaktion.)

Zerstörer Karl Galster Zerstörer Z 20 - Karl Galster
Der Zerstörer wurde während des Krieges innerhalb der 6. Z-Flottille eingesetzt. Die 6. Z-Flottille hatte ihr Einsatzgebiet im Nordmeer und gegen Ende des Krieges im Kattegat und der Ostsee. Karl Galsters letzter Einsatz galt der Rückführung deutscher Truppen von der Halbinsel Hela in den ersten Maitagen 1945.

Noch am 8.5.1945 liefen letztmalig Zerstörer und Torpedoboote nach Osten, um in Hela, wo nur die kämpfende Truppe zurückblieb, nochmals so viele Flüchtlinge und Wehrmachtsangehörige wie möglich aufzunehmen und am 9. und 10. Mai in Schleswig-Holstein zu landen.

Am 17.4.1945 wurde der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Dönitz, der seinen Befehlsstand nach Norddeutschland verlegt hatte, zugleich Wehrmachtoberbefehlshaber Nord und nach dem Tode Hitlers überraschend Staatsoberhaupt und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht. Als Ob.d.M. folgte ihm der bisherige Kommandierende Admiral der U-Boote, Admiral v. Friedeburg, der, da sich Dönitz als Staatsoberhaupt in vielen Dingen seiner Marineoffiziere bediente, weitgehend mit der Führung der Kapitulationsverhandlungen beauftragt war und am 4.5.45 gegenüber dem britischen Feldmarschall Montgomery die Teilkapitulation in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden abschloß.
Die geschäftsführende Reichsregierung wurde am 23.5.1945 in Flensburg-Mürwik von den Briten in Haft genommen. Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Generaladmiral v. Friedeburg wählte den Freitod.

 

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