Geschichtlicher Überblick
(Fortsetzung)
III. Die Kaiserliche Marine 1872 bis 1918
1. Generäle als Chefs der Admiralität
A) Die Ära Stosch 1872-1883
Die gewisse Euphorie, die der Flottenplan von 1867 in deutschen Marinekreisen erweckt hatte, brach schnell wieder ab. Die Seekriegsereignisse des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 waren wie Raureif über die mit der Anschaffung der ersten Panzerschiffe entstandenen Hoffnung gefallen. So bedeutete der Zustand der Marine nach dem Kriegsende einen absoluten Tiefpunkt in ihrer Entwicklung. Das frühere Oberkommando wurde aufgelöst. "Am 5. Mai 1871 wurde Prinz Adalbert von seiner Stellung als Oberbefehlshaber abgelöst und zum Generalinspekteur der Marine, eine mehr oder weniger dekorative Position, ernannt."
Seine Aufgaben gingen an das Marineministerium bzw. den Marineminister über; Kommando und Verwaltung waren wieder einmal in einer Hand. So blieb es aber nicht. Es war ein von außen kommendes Moment, das diesen Umschwung herbeiführte: der Generalleutnant Albrecht von Stosch, der bisherige »Adlatus« des Kriegsministers, wurde an die Spitze einer neugeschaffenen Kaiserlichen Admiralität berufen.
Wie würde sich nun unter einem »Land-General« die Entwicklung der Marine gestalten? Der von Stosch konzipierte Flottenplan von 1873 zeigte, bei allen Überresten landmilitärischen Denkens, einen konstruktiven Weg in die Zukunft. Seine Zahlen (sie wurden hinsichtlich der Schiffe erst mit dem I. Flottengesetz 1898 erreicht) und die in ihm enthaltenen gedanklichen Probleme berechtigten Tirpitz später zu dem bekannten Urteil: Er (Stosch) hat Deutschland wieder auf die hohe See geführt und den Faden zur Hanse wieder geknüpft.
Bei einer Gesamtbetrachtung der »Ära Stosch« muß mit einigen Sätzen auf das Verhältnis Bismarck/Stosch eingegangen werden, denn dieses von innenpolitischen Gründen bestimmte Moment hat in vieler Beziehung Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Marine gehabt. Es hat durch die dabei zwangsmäßig entstehenden Kontroversen sowohl bei dem durchaus nicht marine-desinteressierten Reichskanzler einerseits, als auch bei dem mit seinen neuen (Marine-) Aufgaben wachsenden Chef der Admiralität, Kräftequellen absorbiert, die bei Nichtbestehen der Gegensätze zweifellos besser im Interesse der Marine-Entwicklung eingesetzt worden wären. Noch ein zweites Moment schuf Konfliktstoff zwischen dem Chef der Admiralität und dem Reichskanzler als Chef des Auswärtigen Amtes: Flottenmacht und Flotteneinfluß erstreckten sich zwangsläufig, im Gegensatz zu Landtruppen, über den gesamten Erdball. Man darf bei einer Betrachtung des damaligen Zeitraums nie vergessen, daß z.Z. noch kein Funk, oft noch nicht einmal der Telegraph die Kommandanten der auf dem weiten Weltmeer schwimmenden deutschen Marine-Einheiten mit der politischen und militärischen Zentrale in der Heimat verband und sie daher nicht ununterbrochen über die Intentionen Berlins unterrichtet sein konnten. So kamen sie bei besonderen Ereignissen auf fernen Meeren oft in die Lage, selbst handeln zu müssen. Wo dann ihre selbstverständlichen militärischen Primäransichten nicht mit denen des Reichskanzlers übereinstimmten, war der Konfliktstoff da.
Das Jahr 1877 brachte dann den ersten ganz großen Zusammenstoß dieser beiden, an sich kongenialen Persönlichkeiten. Wie so oft aber gelang es Kaiser Wilhelm I., den Bruch nochmals zu kitten. Bismarck erhielt auf sein Rücktrittsgesuch die berühmt gewordene Antwort »Niemals« und Stosch glaubte sich als »Sieger« fühlen zu können.
MOUSEOVER - - König Wilhelm - Großer Kurfürst
Dieses Siegesgefühl sollte aber nur ein Jahr dauern. Am 31.5.1878 erfolgte im Kanal vor Folkstone bei einem verunglückten Ausweichmanöver ein Zusammenstoß zwischen den Panzerfregatten König Wilhelm und Großer Kurfürst, der bei dem Untergang des letztgenannten Schiffes einen Verlust von 269 Menschenleben forderte.
Die Kritik an dem »System Stosch« schlug hohe Wellen und sie führte schließlich sogar zu einer »Admirals-Rebellion«.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der (infolge eines 1863 erlittenen schweren Reitunfalls) auch körperlich sehr leidende Chef der Admiralität von seinem Posten zurücktrat.
Im Frühjahr 1883 war es soweit. Die »Ära Stosch« in der Deutschen Marinegeschichte war beendet.
Dieser innerpolitische Hintergrund muß bekannt sein, wenn man das auf dem Marinegebiet in der Zeit von 1872-1883 Geschaffene voll würdigen will. Aus einer kleinen preußisch/norddeutschen Kriegsmarine war eine in Europa an dritter Stelle stehende beachtliche Kaiserliche Marine mit einer Flotte von 13 Panzerschiffen und einer stattlichen Anzahl von Fregatten und Korvetten geworden. Der hervorragende Zustand des deutschen Schiffsmaterials im Ersten Weltkrieg (und der gesamten staatlichen und privaten Herstellerindustrie) wäre ohne dieses energische Eintreten des Chefs der Admiralität für deutsche Erzeugnisse wohl kaum erzielt worden. Die technisch hochwertigen Fregatten und Korvetten für den Auslandsdienst wurden in vollem Umfang für den Überseedienst eingesetzt, oft mehr, als es eigentlich die schmale Personaldecke zuließ.
Glattdeckskorvette Nymphe
15.4.1863/Königliche Werft Danzig
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Als am 25.7.1871 die Glattdecks-Korvette Nymphe aus Kiel auslief, begann die erste Weltreise eines Schiffes der Kaiserlichen Deutschen Marine. Bereits im Sommer 1872 folgte eine erste Verbandsfahrt nach Übersee, nach Westindien (Flaggschiff Panzerfregatte Friedrich Carl, Chef KzS und Kommodore Werner). Der nächste Einsatz eines deutschen Panzerschiffes fand 1876 im östlichen Mittelmeer statt, wo ein Mord an einem deutschen und einem französischen Konsul in Saloniki in Europa die politischen Wellen hochgehen ließ. Bismarck blockte die verständliche Erregung in Deutschland zunächst ab.
Trotz des fühlbaren Personalmangels waren aber auch in Übersee überall die deutschen Kriegsschiffe zum Schutz der Auslandsdeutschen und der deutschen Wirtschaftsinteressen in Aktion: vor Afrika, in amerikanischen Gewässern, in der Südsee und in Ostasien. Hier kam es 1881 erstmals zur Bildung eines »Ostasiatischen Kreuzergeschwaders« (mit KzS v. Blanc mit dem Rang eines Kommodore als Geschwaderchef).
In der Heimat war inzwischen ein gewisser Stillstand in der Marine-Entwicklung eingetreten. Dennoch gab es vielerlei durchaus positive Punkte seit der Amtsübernahme durch Stosch.
Der »Land-General« Stosch hatte die deutsche Marine aus einem Tiefpunkt herausgeführt. Seine Amtstätigkeit wies, nicht zuletzt bedingt durch die Kontroversen mit dem Reichskanzler Bismarck, manche Schwächen auf, und eine große Anzahl noch bestehender Mängel galt es, in Zukunft zu beseitigen. Eine sachliche und fachkundige Gesamtbetrachtung muß aber zu einer positiven Wertung der Entwicklung der deutschen Flotte in der »Ära Stosch« kommen.
B) Die Zeit unter Caprivi 1883-1888
Stosch war zurückgetreten... wer würde sein Nachfolger werden? Es gab in der Marine wohl nicht eine einzige Stelle, die nicht mit VAdm. Batsch, dem derzeitigen Chef der Marinestation der Ostsee rechnete..., auch Stosch, auch Bismarck!
Der Reichskanzler hatte sich in der Nachfolgerfrage persönlich eingeschaltet. Er war zwar nicht soweit gegangen, einen Namen zu nennen, er hatte aber an den Chef des Militärkabinetts, General v. Albedyll, der dem Kaiser den Stosch-Nachfolger vorschlagen würde, geschrieben und ihn gebeten, »ihm einen Fachmann zur Seite zu stellen«. Dies konnte unter den gegebenen Umständen nur Batsch sein.
Da erschien am 22.3.1883 die Kabinettsorder, die den Generalleutnant Leo v. Caprivi zum Chef der Admiralität ernannte. Was war geschehen, daß man wieder einen Generalstäbler an die Spitze der Marine stellte? Caprivi stand entsprechend seinem Dienstalter und seiner bisherigen Dienststellung für ein neues Kommando an. Ein Generalkommando war aber z.Z. nicht frei. Aus diesem Dilemma befreite sich der Kabinettschef, indem er Caprivi dem Kaiser für die rangmäßig gleichwertige Stellung (Stosch war ja Preußischer Staatsminister gewesen) vorschlug. Wahrscheinlich hat noch ein zweites Moment eine Rolle dabei gespielt, daß Kaiser Wilhelm I. diesem Vorschlag zustimmte. Batsch hatte als seinerzeitiger Geschwaderchef in Auswirkung des Untergangs der Panzerfregatte Großer Kurfürst (1878) eine Festungsstrafe erhalten. Er war zwar vom Kaiser, da kein persönliches Vergehen vorlag, sofort begnadigt worden. Dieser dunkle Punkt in seiner »conduite« (Laufbahnbeurteilung) bestand aber, und Kaiser Wilhelm war in solchen Dingen fast überkorrekt! Noch eine weitere Schwierigkeit galt es zu überwinden. Batsch war als Vizeadmiral im Rang eines Generalleutnants der Armee der Dienstältere gegenüber Caprivi. Seine Unterstellung unter den Dienstjüngeren war nach den damals geltenden Bestimmungen nicht möglich. Der Kabinettschef umschiffte diese Klippe auf eine eigenartige Weise. Caprivis Patent als Generalleutnant wurde um 3 Jahre vordatiert, so daß er genau um 1 Tag dienstälter als Batsch wurde. Das Merkwürdigste aber war, daß Caprivi in der Armee das frühere Dienstalter als Generalleutnant beibehielt. So ergab sich der in der preußischen Armee wohl einmalige Vorgang, daß ein ihr angehörender Generalleutnant gleichzeitig 2 Patente für diesen Rang besaß. Die Folge dieser Manipulation war unausweichlich: Batsch nahm nach diesem Affront den Abschied; der qualifizierteste, von Bismarck erwünschte Fachmann schied in verhältnismäßig jungen Jahren aus der Marine aus.
Eine gerechte Gesamtbeurteilung der Leistungen Caprivis als Chef der Admiralität ist nicht leicht. Zwei Momente sind als Grund dafür zu erwähnen. Caprivi hat sich später standhaft geweigert »Erinnerungen« zu schreiben und seinen eigenen Standpunkt zu verteidigen. Daß er ein »ungeliebtes Amt« lediglich »auf Befehl« übernahm, hat er nie verhehlt, und manche spöttische Bemerkung von ihm über die ihm fremde Atmosphäre des Seeoffizierkorps, die kolportiert wurde, hat dort erklärlicherweise keine großen Sympathien für den »Chef« erweckt. Neben diesen mehr gefühlsmäßigen Gründen gab es aber auch sachliche Punkte, die nicht nur damals, sondern auch später zur Kritik Anlaß gaben. Diese sind aber, wie ausdrücklich zu betonen ist, nicht auf ein persönliches Versagen Caprivis zurückzuführen, sondern hatten ihren Ursprung in den Verhältnissen, die dieser hochqualifizierte Soldat vorfand. Caprivis bekannter Ausspruch »je kleiner die Marine, desto besser«, ist vor allem unter dem Gesichtswinkel zu verstehen, daß seiner Ansicht nach die für die Armee benötigten Gelder schneller wirksamer würden, als die für die Marine verwendeten Beträge.
In drei wesentlichen Richtungen machte sich diese Einstellung in der Marine negativ bemerkbar. Der Bau von Panzerschiffen wurde vernachlässigt und damit das von Stosch in Erfüllung und in kontinuierlicher Fortsetzung des 1873er Flottenplans Erreichte, aufgegeben. Die deutsche Flotte sank im Zeitabschnitt Caprivi vom 3. auf den 6. Rang der Flottenmächte ab.
Das zweite negative Faktum war, daß Caprivi dem s.Z. aufkommenden »Torpedorausch« keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzte. Das kleine, billige und schnell herzustellende Torpedoboot erschien ihm gegenüber den »Panzerkolossen« die Idealwaffe der Zukunft zu sein. Schließlich ist auf der Seite der Negativa noch aufzuzählen, daß Caprivi dem vom Reichskanzler gewünschten starken Auslandseinsatz der Marine nur ungern und zögernd nachkam. Zweifellos konnte er für seine Haltung sachlich voll berechtigte Gründe anführen. Die Belastung des Personals und des Materials überstieg tatsächlich in dieser Zeit die Grenze des Zumutbaren. Der innerste Gedanke aber war, daß jeder im Ausland befindliche Marineangehörige bei der »alsbald« in der Heimat stattfindenden Endauseinandersetzung mit Frankreich (und dem mit ihm verbündeten Rußland) fehlen würde. Dies war das Dominierende bei Caprivis Einstellung!
Diese vorerwähnten Momente waren es vor allem, die die deutsche Flotte, wie es später einmal Tirpitz ausdrückte, von der Hochsee zur Küste zurückgeführt haben. Die Vernachlässigung des Baues von Hochsee-Panzerschiffen führte automatisch zur Konstruktion von Küsten-Panzerfahrzeugen (Caprivi hat selbst einmal die in seiner Amtszeit konstruierten Schiffe der Siegfried-Klasse als seine »Lieblingskinder« bezeichnet), und die Anschaffung einer großen Anzahl von Torpedobooten waren die äußeren markanten Zeichen für den Weg, den Caprivi einschlug.
Aus dieser Einstellung heraus entstanden aber auch zwei wesentliche Pluspunkte zu Gunsten von Caprivi. Als er sein Amt antrat, hatte er alsbald erkannt, daß der schnelle Übergang einer Waffe vom Friedenszustand zum Kriegszustand, d.h. eine durchdachte und zielbewußt vorbereitete Mobilisierung, in der Marine fehlte, oder daß, anders ausgedrückt, man dort auf diesem Sektor noch recht rückständig war. Hier griff er durch und hat dabei vielleicht manchmal das Ruder zu hart gelegt. der komplizierte Mechanismus einer Flotte ließ sich nun einmal nicht so schnell umstellen, wie dies bei einem Regiment, einer Division oder einem Korps möglich war. Insgesamt war aber das, was der Chef der Admiralität auf diesem Gebiet geleistet hat, von großem Wert, und dies ist auch von seinem Vorgänger Stosch nachträglich anerkannt worden.
Brigg Undine
18.12.1869/Königliche Werft Danzig
(Namensverleihung am 9.11.1869)
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Auch der Caprivi-Abschnitt ging nicht ohne Totalverluste für die Marine ab. Konnte bei der Strandung der als Schulschiff eingesetzten Brigg Undine (27.10.1884 in der Jammerbucht, Jütland) die gesamte Besatzung bis auf einen Mann gerettet werden, so führte der Untergang der als Ablösungstransportschiff dienenden Glattdeckskorvette Augusta (sie ist Anfang Juni 1885 am Ostausgang des Roten Meeres vor der Insel Perim verschollen) jedoch zu einem Verlust der gesamten Mannschaft.
Ein ganz besonders herausragendes Ereignis war schließlich die am 3.6.1887 erfolgte Grundsteinlegung für den Nord-Ostsee-Kanal (des Kaiser-Wilhelm-Kanals).
In einer bis dahin nicht gekannten Bravourleistung an Organisation, Technik und menschlichem Einsatz konnte der Bau bereits 1895 vollendet werden. Als erstes Schiff durchfuhr die Hohenzollern mit S. Kaiserl. Majestät Wilhelm II. die neue Wasserstraße.
Die Grundsteinlegung nahm Kaiser Wilhelm selbst vor. Es war das letzte Mal, daß er dabei mit der Marine in direkte Berührung kam; am 9.3.1888 starb er. Nur wenig später folgte ihm sein Sohn, Kaiser Friedrich III. in den Tod, und am 15.6.1888 bestieg Kaiser Wilhelm II. den Thron des Deutschen Reiches und Preußens.
Für jeden Eingeweihten war es klar, daß damit auch das Ende der Marinelaufbahn von Caprivi gekommen war, denn einem Marine-Interessierten Kaiser würde an der Spitze der Marine ein »Nicht-Fachmann« nicht genügen.
Ein neues Kapitel in der Geschichte der Deutschen Marine begann
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