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Die Geschichte der Deutschen Marine - 1815 bis 1871

Geschichtlicher Überblick   (Fortsetzung)

3. Die Marine des Deutschen Bundes (Reichsflotte)

Das bei einer Auseinandersetzung mit Dänemark von dessen Seite mit einem scharfen Vorgehen gegen die deutsche Handelsschifffahrt gerechnet werden mußte, war selbstverständlich.
Bereits am 11.6.1848 bewilligte die Nationalversammlung 6 Millionen Thaler zur Schaffung einer Bundesflotte. Ein Marine-Ausschuß und später eine Technische Marine-Kommission wurden gebildet, und eine intensive Arbeit begann mit all den vielseitigen Schwierigkeiten. Dennoch gelang es bereits am 15.10.1848, die ersten 3 Rad-Korvetten und 1 Segelfregatte in Fahrt zu bringen. Über ihnen wehte mit der schwarzrotgoldenen Flagge mit dem Reichsadler als Gösch ein neues Hoheitszeichen, das, da international noch nicht anerkannt, dem Deutschen Bund noch manchen Ärger bereiten sollte.
Auch die Frage des Oberbefehls über die entstehende Flotte war damit akut geworden. Man wählte unter den zur Verfügung stehenden Persönlichkeiten den in Leipzig geborenen, bis dahin in griechischen Diensten stehenden Fregattenkapitän Karl-Rudolf Brommy (Bromme) aus, der mit dem Rang eines Kapitän z.See formal den Oberbefehl übernahm und zum See-Zeugmeister und Kommodore des Nordgeschwaders ernannt wurde.
Als im Frühjahr 1849, nach der durch den Waffenstillstand von Malmö (26.8.1848) verursachten Kampfpause, der Krieg gegen Dänemark erneut ausbrach, standen trotz aller Schwierigkeiten in der Deutschen Bundesflotte 2 Segelfregatten, 3 Dampffregatten, 7 Dampfkorvetten, 6 Dampfavisos,3 Segelschoner und 27 Kanonenschaluppen zur Verfügung. Ihre Besatzungen setzten sich aus den verschiedenen Nationalitäten zusammen und hatten eine Stärke von 2550 Mann. Zu einem regelrechten Kampfeinsatz sind aber die Schiffe der Bundesflotte (außer einem kleinen Gefecht vor Helgoland am 5.6.1849 mit dänischen Blockadestreitkräften) nicht gekommen.
Jedoch überschatteten bereits zu diesem Zeitpunkt Finanzierungsprobleme die Erhaltung des Geschaffenen.
Dampf-Fregatte Barbarossa Dampf-Fregatte Barbarossa
5.2.1840 als Britannia
19.3.1849 von der Bundesflotte übernommen
6.6.1852 von der Preußischen Marine übernommen
Statt sich um die weitere Verstärkung der Flotte und um ihre Ausbildung kümmern zu können, mußte Brommy sein Hauptaugenmerk auf die Finanzierung richten, um die fälligen Gehälter und Löhne zahlen zu können. Nachdem bereits Ende 1850 Brommy das Defizit der Bundesflotte auf 83 000 Thaler (bei einem Kassenbestand von 400 Thalern!) beziffert hatte, war die Schuldenlast auf 1,5 Millionen Thaler angestiegen.
Ein letzter Versuch, die Flotte durch eine Dreiteilung zu retten (Beschluß der Bundesversammlung vom 30.12.51) führte ebenfalls nicht mehr zu einer Lösung, zumal die Terminierung so kurzfristig festgelegt war, daß es deutlich wurde, daß man selbst seitens der Antragsteller gar nicht mehr an einen Erfolg glaubte. Am 2.4.1852 erfolgte mit dem Beschluß der Bundesversammlung, 2 Schiffe, in Verrechnung mit den gezahlten Matrikular-Beiträgen, an Preußen zu übergeben und den Rest der Flotte zu verkaufen. Der Schlußakt selbst war beschämend. Nachdem Preußen aus nüchternen, praktisch-wirtschaftlichen Gründen den Ankauf der übrigen Schiffe verweigert hatte (auch hatte es, ebenso wie Österreich, Hannover, Oldenburg, Bremen und Hamburg, eine kostenlose Überlassung der Flotte wegen der dadurch zwangsmäßig entstehenden Folgekosten angelehnt) und kein anderer regulärer Käufer des Gesamtobjektes zu finden gewesen war, blieb dem mit dem Verkauf beauftragten oldenburgischen Geheimen Staatsrat Hannibal Fischer nichts anderes übrig, als eine profane Versteigerung vorzunehmen. Am 18.8.1852 fand diese statt.

Schiffe der Flotte des Deutschen Bundes/Reichsflotte (1848 - 1852)
Lediglich 8 bis höchstens 31 Prozent der realen Werte einzelner Schiffe wurden erlöst. Schwerer wog das Schicksal der Angehörigen, insbesondere des Offizierkorps der Bundesflotte. Während die Matrosen und Steuerleute in der Handelsschiffahrt ihr Unterkommen fanden, kehrten die im Offiziersrang stehenden soweit wie möglich in ihre Heimatländer zurück oder wechselten auch zur Handelsschiffahrt.

4. Die Marine des Königreichs Preußen und des Norddeutschen Bundes 1848 - 1871

Die preußische Flotte hatte in den ersten Jahrzehnten nach geringfügigen Anfängen materiell stagniert. In geistiger Beziehung war aber, entgegen häufiger Ansicht, weitergearbeitet und vielfach Wertvolles geschaffen worden. Gedankenträger ist im wesentlichen Prinz Adalbert von Preußen gewesen. Schon bald aber mußte Prinz Adalbert erkennen, daß Wunschdenken meist im Gegensatz zur tatsächlichen Entwicklung der Dinge steht.
Auf diese reale Erscheinung wurde der Prinz sofort gestoßen, als es galt, die großflächigen Gedanken an eine Bundesflotte auf den schmalen Sektor einer preußischen Marine zurückzuführen. Denn hier handelte es sich darum (angesichts der militär-politischen Lage Preußens gegenüber Dänemark), schon aus technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht in ferner Zukunft liegenden Plänen nachzuhängen, sondern möglichst schnell etwas konkretes zu schaffen, was der derzeitigen militärischen Lage entsprach. Als der Prinz (er war inzwischen General-Inspekteur der Artillerie geworden) an die Spitze der von dem damaligen Kriegsminister, dem Genaral Frhr. Roth v. Schreckenstein, angeordneten Kommission trat, legte er sofort, basierend auf der im Mai für den Deutschen Bund entwickelnden Denkschrift, ein klares Konzept für die zu erreichenden Ziele vor, das aus drei Teilen bestand:

1. Schnelle Schaffung einer lediglich der Küstenverteidigung dienenden Flotte mit 80 Gaffel für die Nordsee und 80 Ruder-Kanonenbooten für die Ostsee;
2. als erweitertes Ziel die Schaffung einer dem Handelsschutz dienenden Marine mit 60 Segel, 12 Dampf-Korvetten und 120 Kanonenbooten;
3. die Schaffung einer selbständigen Seemacht mit 12 Segel-Linienschiffen, 10 Segel-Fregatten, Dampf-Korvetten und 120 großen sowie kleinen Kanonenbooten.

Segelkorvette Amazone Segelkorvette Amazone 1845
(nach einer zeitgenössischen Zeichnung)

Als am 16.8.1848 die vom Stralsunder Flotten-Committée erbaute Kanonen-Schaluppe Nr. 1 vom Stapel lief (und dabei den Namen Stralsund erhielt), fanden große Festlichkeiten statt. Prinz Adalbert war selbst zugegen und brachte einen begeisterten Toast aus. Historisch gesehen kann man diesen Stapellauftag als den eigentlichen Geburtstag der modernen preußisch-deutschen Flotte bezeichnen.
Es war überhaupt ein Charakteristikum der Gründungszeit der preußischen Kriegsmarine, daß man damals bereits technische und organisatorische Maßnahmen einleitete, wenigstens aber vorbereitete, die nicht in den engen Rahmen der Erstzeit paßten, sondern bereits in die Zukunft wiesen, sei es die Heranziehung von ausgebildeten Schiffsoffizieren von der Navigationsschule in Danzig, sei es die Einstellung von qualifizierten Seeoffiziersanwärtern und ihre Entsendung auf die amerikanische Fregatte St. Lawrence zur fachmännischen Ausbildung.
Das zwielichtige Verhältnis von Preußen zum Bund sollte anhalten und bald noch deutlicher in Erscheinung treten. Zunächst zeigte sich Preußen als eifriger Anhänger des Gedankens an eine Deutsche Bundesflotte. Es unterstellte seine "Seemacht" (sie bestand allerdings nur aus der Segelkorvette Amazone und späterhin aus einigen Kanonen-Schaluppen und Jollen) dem Deutschen Bund, überwies auch als erster Bundesstaat einen Matrikularbeitrag in Höhe von 1 Millionen Thaler zur Schaffung einer Flotte und die Entsendung eines engen Verwandten des Königs in die Marinegremien der Nationalversammlung kann man auch als derartiges Zeichen werten. Daß diese preußische Flotte »zur Verteidigung Gesamtdeutschlands zur Verfügung stehen sollte« wurde zwar ausdrücklich betont, es war aber wohl doch mehr eine rein rethorische Floskel, denn die vom Bund so dringend gewünschten Dampfschiffe (Preußischer Adler, Königin Elisabeth und Danzig) blieben in einem ausschließlich preußischen Unterstellungsverhältnis. Und als Preußen seinen ranghöchsten Seeoffizier, Schröder, zum Kommodore ernannte (und ihm dadurch einen höheren Rang verlieh, als ihn die z.Z. ranghöchsten Offiziere der Bundesflotte, Brommy und Donner, innehatten), da zeigte sich abermals, daß auf preußischem Boden ein »Flotten-Eigengewächs« heranreifte. Mehr noch als der relativ geringfügige Schiffszuwachs waren eine große Anzahl von organisatorischen Bestimmungen innerhalb der preußischen Marine, die in die Zukunft wiesen.
Ein neues Element trat 1854 in die Entwicklung der preußischen Marine ein: Der Bau eines Kriegshafens an der Nordseeküste. Noch viele Hindernisse galt es zu überwinden, bis König Friedrich Wilhelm IV. am 25.7.1856 den eigentlichen Startbefehl geben und noch mehr gab es zu bewältigen, bis König Wilhelm I. am 17.6.1869 die Einweihung von Wilhelmshaven vornehmen konnte.
Über den Querelen, die die organisatorischen Marineprobleme brachten, hatte Prinz Adalbert die Gedankenarbeit nicht vergessen, die man als seine Lieblingstätigkeit bezeichnen kann: die Überlegungen, wie eine preußische Flotte insgesamt, zahlenmäßig und technisch, auszusehen habe.
Die aktive Flotte hatte inzwischen ihren 1850 begonnenen intensiven Auslandsdienst zu Repräsentations- und Schulungszwecken fortgesetzt. In heimischen Gewässern verblieben fast ausschließlich nur die kleineren Einheiten. Nachdem 1853/54 die Radkorvette Danzig (zu Beginn des Krim-Krieges) erstmalig den preußischen Staat vor Konstantinopel repräsentierte, folgte 1856 eine weitere Geschwaderreise in den Atlantik. Den Abschluß der Auslandsreisen in diesem Zeitabschnitt bildete dann die 1959 angetretene Ostasien-Expedition (Arcona, Thetis, Frauenlob, Elbe), ein Unternehmen, das gemeinsam von der Admiralität und dem Handelsministerium in dreijähriger Expeditionszeit unter der seemännischen Leitung von KzS und Kommodore Sundewall und der politischen Führung des Außerordentlichen Gesandten, des Grafen Friedrich zu Eulenburg, durchgeführt wurde.
Noch vor Ende dieses Jahrzehnts fiel eine für die Entwicklung der Preußischen Flotte recht problematische Entscheidung, für die das Oberkommando und die Verwaltung gemeinsam verantwortlich zu zeichnen hatten: am 2.6.1859 wurde der Bau von insgesamt 23 (15 kleinen und 8 größeren) Dampfkanonenbooten durch Kabinettsorder befohlen. Der Hintergrund dieser Entscheidung, die doch völlig gegen die prinzliche Einstellung, in erster Linie nach der Schaffung einer hochseegängigen Flotte zu streben, verstieß, ist nicht ganz klar. Beide Verantwortliche, der Prinz und Vizeadmiral Schröder, waren doch zu ausgesprochene Fachleute, um den Wert dieser kleinen mit einer schwachen Maschine versehenen und dazu noch leicht bewaffneten Schiffe falsch einzuschätzen. So wird es wohl mehr der Wunsch, überhaupt etwas für den Schutz der Küstenstädte und des Küstenhandels zu tun, als reale kriegsstrategische Ziele gewesen sein, die zu jenem Entschluß führten. Wenige Jahre später (im deutsch-dänischen Krieg 1864) sollte diese Fehlentscheidung offensichtlich werden.

 

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