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Die Geschichte der Deutschen Marine - 1815 bis 1871

Die Geschichte der Deutschen Marine

© by Deutsche Marine / © by Koehler Mittler Verlag / © by Webmaster

 

Geschichtlicher Überblick

Friedrich Wilhelm    Rudolf Brommy    Prinz Adalbert    Albrecht Roon     Albrecht von Stosch

Jan Schröder    Graf von Monts    Kaiser Wilhelm II.    Leo von Caprivi    Karl Eduard Heusner

Freiherr v. d. Goltz       Friedrich (v.) Hollmann          Wilhelm Büchsel       Alfred (v.) Tirpitz

Frhr. v. Senden-Bibran       Georg A. (v.) Müller     Hans (v.) Koester        Eduard (v.) Knorr

Eduard (v.) Capelle           Reinhard Scheer         Ludwig (v.) Schröder       Adolf v. Trotha

Ernst v. Mann Edler    William Michaelis        Paul Behncke       Hans Zenker     Erich Raeder

Karl Dönitz    Hans-G. v. Friedeburg    Karl-Adolf Zenker   Friedrich Ruge     Gert Jeschonnek

Heinrich Kühnle    Armin Zimmermann    Günter Luther

I. Vor- und Frühgeschichte

Die überlieferten Zeugnisse aus der Vor- und Frühgeschichte der an den nordeuropäischen Küsten ansässig gewesenen Germanen lassen deren Verbundenheit mit der Seefahrt erkennen. Anhand von Aufzeichnungen lassen sich Seegefechte vor der Ems-Mündung in den Jahren 9 und 15, im Küstenbereich der südlichen Nordsee während des 5. und 6. Jahrzehnts, sowie Offensivvorstöße der Germanen in den Ärmelkanal und zur nördlichen Nordsee in den ersten Jahrhunderten nachvollziehen. Die dazu verwendeten Schiffe mußten infolgedessen so konstruiert worden sein, daß sie nicht nur zum Fischfang und Warenaustausch in Küstennähe, sondern auch zu militärischen Einsätzen auf See geeignet waren.
Eine Kriegsmarine hat aber erst unter Karl dem Großen (742 - 814) als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen bestanden. Ihr Einsatz erstreckte sich auf die Nordsee, den Ärmelkanal und das Mittelmeer. Die um die erste Jahrtausendwende in einigen Küstenstädten des Reiches geschlossene Interessengemeinschaft zum Warenaustausch über die Nordsee und den Ärmelkanal mit England erweiterte sich im Laufe der Zeit zu einem aus auch an der Ostsee und im Binnenland liegenden Städten bestehenden Bund, der sich "Hanse" nannte.
Konkurrierende Interessen, abweichende wirtschaftliche und politische Konzeptionen anderer Meeresanliegerstaaten sowie das Seeräuberunwesen zwangen dazu, nicht nur im Handelsschiffbau die Notwendigkeit der Abwehr von Angriffen zu berücksichtigen, sondern auch reine Kriegsschiffe zu konstruieren und zu bauen. Der Höhepunkt der Macht und die optimale Einflußsphäre der Hanse war um die Mitte der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts erreicht.
Die militärische Überlegenheit der Seemächte, die Verlagerung des Seeverkehrs, die Uneinigkeit innerhalb der eigenen Organisation und die mangelnde Unterstützung seitens des Reiches führten zum allmählichen Zerfall. Noch vor dem letzten Hansetag im Juli 1669 in Lübeck hatten 1630 Lübeck, Hamburg und Bremen einen Dreierbund zur gegenseitigen Unterstützung geschlossen. Sie blieben damit die Traditionsverwalter einer über 500jährigen Geschichte der Hanse.
Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts erforderte die unsichere Lage im Ostseebereich militärische Maßnahmen zur Sicherung des ost- und westpreußischen Küstengebietes. Einzelne, teils gecharterte und nachträglich armierte, teils erbeutete Kriegsfahrzeuge, dazu schwimmende Batterien kamen jedoch nicht zum Einsatz. Bemerkenswert aus jener Zeit ist, daß der spätere Generalmajor v. Rüchel, erstmalig in der deutschen Geschichte, einen konkreten Flottengründungsplan, basierend auf Ostseebedürfnisse, aufstellte. Er hielt 120 überwiegend kleine Schiffe für erforderlich. Der Plan wurde allerdings nicht ausgeführt.

II. Entwicklung in Deutschland 1815 bis 1871

1. Erste Anfänge in Preußen 1815-1848

Ein mehr als zehnjähriger Krieg gegen Frankreich hatte, insbesondere seit 1806, Preußen personell und wirtschaftlich so ausgesogen, daß für längere Zeit auf keinem Sektor des Staatslebens konkrete größere Pläne in Angriff genommen werden konnten. Dies betraf natürlich auch Handel und Schiffahrt und im Zusammenhang damit die Realisierung irgendwelcher Marinepläne, die schon im Jahr 1796 General v. Rüchel konzipiert hatte. Gedanklich aber wurden diese Pläne von einigen Offizieren fortgesetzt.

» Besitzt man die Herrschaft des Meeres, so vermag man einen
Angriffskrieg auf alle Küsten seines Feindes zu führen... Dies
erscheint mir der wahre Gebrauch des Dreizacks zu sein,
und das macht die Natur seiner Übermacht aus. «

Randnotiz von Generalfeldmarschall Graf Neidhardt von Gneisenau

Erst 1836 gab es abermals eine planmäßige Konkretisierung der immer wieder von einzelnen Persönlichkeiten aus den verschiedensten Motiven und in verschiedenartigen Größenordnungen angeschnittenen Flottenplanfrage. Auf Befehl König Friedrich Wilhelms III. wurde erstmalig eine Kommission zur Beratung des gesamten Flottenkomplexes gebildet. Sie setzte sich aus Offizieren, Technikern und Beamten des Finanzministeriums zusammen und trug die offizielle Bezeichnung "Kommission zur Anfertigung von Entwürfen über den Bau bewaffneter Fahrzeuge zur Verteidigung unserer Küsten". Eine ganze Anzahl in der späteren Marinegeschichte bekannt gewordenen Persönlichkeiten gehörten dieser Kommission unter Vorsitz des Generals von Reiche (Vater des späteren Admirals) an. Der für die spätere Flotte aber bedeutsamste Teilnehmer war ein 25jähriger Artilleriemajor, der "tatkräftigen und sehr sachkundigen Anteil" an den Arbeiten der Kommission nahm: Adalbert Prinz von Preußen, ein Neffe des regierenden Königs.
Trotz der auf diesem Sektor so erfreulichen Fortschritte war es zu jenem Zeitpunkt noch nicht absehbar, ob und wann die anhaltenden Bemühungen des Prinzen Adalbert um die Schaffung einer wirklichen preußischen Kriegsmarine zum Erfolg führen würden. Da brach das Jahr 1848 an, und mit ihm kamen inner- und außerpolitische Ereignisse zur Wirkung, die auch einen Wendepunkt in der deutschen Marinegeschichte herbeiführen sollten.
Segelschiff Danzig (1825)
Zwei Komponenten waren es, die die Geschehnisse des Jahres 1848 innerhalb Deutschlands bestimmten: die innenpolitische liberal-demokratische Strömung einerseits, die nationalen-gesamtdeutschen Einigungsbestrebungen andererseits. Von ihnen hatte die letztere einen entscheidenden Einfluß auf die Geburt und die Weiterentwicklung eines deutschen Flottengedankens. Auslöser war der erste Krieg um Schleswig-Holstein. Als in dessen Verlauf das kleine Dänemark dem großen Deutschland gegenüber demonstrierte, welche Bedeutung eine überlegene Seemacht einem ausschließlich landmilitärisch orientierten, wenn auch um ein Vielfaches überlegenen Gegner gegenüber hat, da gewann der bestehende kleine Kreis der Seemachtbefürworter, zwar mehr aus gefühlsmäßigen als aus sachlichen Gründen, Zulauf auch aus maßgebenden Kreisen. Der Wunsch, dem zur See übermächtigen Dänemark entgegentreten zu können, fand auf drei Gebieten seine Auswirkung:


1. Durch die Schaffung einer schleswig-holsteinischen Flotte;
2. durch die Schaffung einer Marine des Deutschen Bundes;
3. durch den Ausbau der bereits vorhandenen preußischen Seestreitkräfte.

2. Die Schleswig-holsteinische Flotte

Die in erster Linie von dem Kriegsgeschehen betroffenen Schleswig-Holsteiner begannen mit diesen Bestrebungen. Um dänische Angriffe auf die Küstenorte sowie Blockademaßnahmen zu verhindern, wenigstens aber zu erschweren, rüsteten die Herzogtümer sofort eine kleine Flotte aus. Das Schiffsmaterial dazu mußte in aller Eile zusammengestoppelt werden; die dazu benötigten Besatzungen standen aber aus der seebefahrenen Küstenbevölkerung in reichem Maße zur Verfügung.
Johann Otto Donner - ein gebürtiger Altonaer, hatte sich als Kommandant des Kriegsschoners Elbe (Elben) bei Ausbruch der Kämpfe mit dem Schiff seinen Landsleuten zur Verfügung gestellt. Auch die Tatsache, daß W. (v.) Siemens, damals ein junger preußischer Artillerieoffizier, zusammen mit seinem Schwager, dem Professor Himly von der Universität Kiel, zum Schutz des Kieler Hafens die erste elektrisch zu zündende Minensperre legte, ist ebenso zu erwähnen wie die ersten in der Kieler Förde stattfindenden Versuche mit einem funktionsfähigen Tauchboot durch den bayerischen Unteroffizier Bauer.
(Siehe "Die Anfänge" - Geschichte des deutschen Ubootbaus bis 1914) Das Schiffsmaterial war recht dürftig und bestand im wesentlichen aus schnell bewaffneten Handelschiffen und einigen Kanonenbooten.
Der unter russischem Druck zustandegekommene erste Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Bund und Dänemark (Malmö, 26.8.1848) deutete an, daß das Lebensalter der schleswig-holsteinischen Flotte, sie war am 26.4.49 formal durch den Marinerat Jordan in die Deutsche Bundesflotte übernommen worden, nicht groß werden würde. Nach Fortsetzung der Feindseligkeiten im April 1849 besiegelte ein zweiter Waffenstillstand (10.7.49) mit dem später folgenden Friedensschluß (2.7.50) ihr Schicksal. Besonders beschämend für Preußen war es, daß es, entgegen den im Waffenstillstand ausgehandelten Bedingungen, zustimmen mußte, daß das gesamte schleswig-holsteinische Kriegsmaterial, also auch die Marine-Einheiten, an Dänemark ausgeliefert wurden. Ein tragisches Ende der Flotte der Herzogtümer.

 

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