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Die Wikinger

Die Wikinger Fortsetzung
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Wikinger / © by Webmaster

 

Das Wikingersegel war jedoch so ungewöhnlich, daß es durchaus eine eigenständige Entwicklung gewesen sein kann. Denn ein typisches Langschiff mit einer Länge von 27 Metern hatte einen Mast, der nur lächerliche 9 Meter maß und der wegen seiner geringen Länge leicht auf zwei oder drei mittschiffs angebrachte Gabelstützen umgelegt werden konnte. So stand er beim Landen oder während eines Seegefechts nicht im Wege.

Der große Drakar

Der große Drakar, auch Drachenschiff genannt, der Stolz von Königen und das Flaggschiff der Wikingerflotten, hatte eine Länge von mehr als 48 Metern und eine Breite von etwa 7,50 Metern; es war mit bis zu 72 Riemen ausgerüstet. Neben der ernormen Größe war der ungewöhnlich hohe Freibord das auffälligste Merkmal des Drakar, der der Besatzung von 300 Kriegern größtmögliche Vorteile im Kampf bot.

Was dem Segel an Höhe fehlte, wurde durch seine Breite wettgemacht: Es wurde wie ein ernorm in die Breite gezogenes Rechteck zugeschnitten - auf dem typischen Langschiff hatte es eine Spannweite von 12 bis 15 Metern, bei der riesigen Ormen Lange könnten es sogar mehr als 21 Meter gewesen sein. Es wurde an einer Rah gehißt, manchmal war es auch noch an einer Unterrah befestigt. Beim Segeln vor dem Wind wurde das Segel zur Erhöhung der Geschwindigkeit oft zwischen zwei seitlich gesetzte Sprietbäume gespannt; dabei handelte es sich um lange Stangen, die in den runden Vertiefungen zweier an den Bordwänden befestigter Klötze verankert werden konnten. Diese Klötze befanden sich vor dem Mast. Wenn das Schiff quer zum Wind oder hoch am Wind lief - und allen Berichten zufolge segelten die Langschiffe der Wikinger sehr wohl hoch am Wind -, wurde nur ein Sprietbaum verwendet.
Die Segel selbst waren aus grober Wolle und zur Erhöhung der Festigkeit doppelt gewebt. Sie waren im allgemeinen rot, manchmal einfarbig, manchmal hatten sie ein Rauten-, Karo- oder Streifenmuster, um für Freunde von weitem besser erkennbar zu sein. Diese Segel sorgten für einen starken Antrieb. Im nassen Zustand waren sie schlecht zu handhaben und konnten zur tödlichen Gefahr werden. Ein solches Segel konnte selbst einen stämmigen Wikingerhäuptling zu Boden werfen - wie den norwegischen König Eystein, der dadurch von seinem Langschiff ins Wasser stürzte und ertrank, als er von der wild hin- und herschlagenden Rah eines anderen längsseits segelnden Schiffs getroffen wurde.

Der feierliche Abschied vor der Reise ins Jenseits Der feierliche Abschied vor der Reise ins Jenseits
Nach Ruhm strebte ein König, nicht nach hohem Alter", rief ein norwegischer Häuptling namens Magnus Nacktbein bei einem Überfall in Irland, als er sich anschickte, seinen Göttern gegenüberzutreten. Der Tod nach einem Leben voll ruhmreicher Kämpfe bedeutete nur die Schwelle zu einem noch ruhmreicheren Leben im Jenseits. In dem großen Heldensaal Walhall winkten Gelage und Kämpfe. Die Bestattungsriten der Wikinger boten die Gewähr dafür, daß die Helden mit allem versehen waren, was sie für ihr Leben nach dem Tod möglicherweise brauchen würden, wenn sie aus dem Diesseits schieden.
Auf der Zeichnung rechts steht das Schiff eines toten Häuptlings bereits in einem riesigen, vielleicht 55 mal 45 Meter großen Grab. Männer stellen auf dem Totenschiff eine massive, mit einem Wandbehang geschmückte Grabkammer fertig. Der Tote liegt auf einem mit Schnitzereien verzierten großen Bett aufgebahrt. Eine seiner Sklavinnen wird geopfert werden, um ihn, ihren Herrn, zu begleiten. Er ist von Dingen umgeben, die er im Jenseits sowohl zum Kämpfen als auch für sein Wohlbefinden brauchen wird: Schwert, Axt und Schild, eine eisenbeschlagene Truhe mit Kleidern, ein zweiter Mantel und Eimer aus Eichenholz mit Eßbarem, wie Äpfeln und Walnüssen.

Zu der Zeit, als die Nordmänner begannen, ihre Boote mit Masten und Segeln aufzutakeln, begannen sie auch, richtige Eichenkiele in ihre Langschiffe einzubauen, um diese den Belastungen von Meeresüberquerungen und er Antriebskraft des besegelten Masts entsprechend zu verstärken. Diese Kiele hatten einen T-Förmigen Querschnitt. Man hatte die Erfahrung gemacht, daß ein derartiger Kiel das Wasser durchschnitt und dem Steuermann auch bei hoher See und Gegenströmung das Kurshalten wesentlich erleichterte. Weil die Wikinger Schiffe brauchten, mit denen sie sowohl am Strand anlegen und in seichten Gewässern kämpfen als auch Ozeane überqueren konnten, hielten sie die Kiele flach, ließen sie dafür aber vom Bug bis zum Heck des Schiffes laufen.
Die Wikinger entwickelten auch ein bemerkenswertes Steuerruder. Es handelte sich um die abgeänderte Form eines kurzen, dicken Steuerriemens, der achtern an der Steuerbordseite des Schiffes auf einem großen Holzblock mit einer Ruderleine so befestigt war, daß sich das Ruder wie ein Hebel um seinen Drehpunkt bewegen ließ. Der Steuermann bediente es mit einer Pinne. Da die Bordwand, an der gesteuert wurde, im Nordischen stjornbordi hieß, wurde der Name des Steuerruders auf den Steuerbord, das heißt auf die rechte Seite des Schiffs übertragen.
Da sie nun nicht mehr an ihre eigenen Küstengewässer gebunden waren, bauten die Nordmänner ihre Langschiffe immer größer, breiter und luvgieriger; immer höher zogen sie die Plankengänge der Seitenwände, um nicht naß zu werden, wenn sie kränkend die sturmgepeitschte Nordsee überquerten. Jetzt waren die Wikinger auf die Welt losgelassen.
Nirgends kommen das Hochgefühl und die Genugtuung, die die Skandinavier nach vollbrachten Taten auf dem Meer empfanden, besser zum Ausdruck als in Beowulf, einem altenglischen Heldengedicht aus dem 10. Jahrhundert. Prinz Beowulf vom skandinavischen Stamm der Gauten setzte die Segel, um Hrothgar, einem dänischen Verbündeten, im Kampf gegen das Ungeheuer Grendel zu Hilfe zu eilen:

Vom Winde beflügelt, durchflog seinen Weg das Schiff wie ein Vogel, das schaumhalsige, bis am nächsten Tag zur nämlichen Zeit. Der gewund'ne Steven so weit gelangte, daß Land die Segler erlugen konnten, flutumbrandete Vorgebirge, ragende Felsen. Erreicht war das Ziel der weiten Reise. Der Wettermark Helden stiegen nun eilends zum Strande hinab, das Boot zu vertauen; die Brünnen klirrten, der Degen Rüstzeug; sie dankten Gott, der nach Wunsch gestaltet die Wogenfahrt.

Obwohl das Heldenepos Beowulf von einem christlichen Mönch in Northumbrien niedergeschrieben wurde und die Wikinger damals noch Heiden und als solche keineswegs geneigt waren, einem christlichen Gott Dank zu sagen, ist doch jeder Satz von der Liebe zur See und von der männlichen Kühnheit erfüllt, die die Wikinger als Herren jener unvergleichlichen Kriegsschiffe ausgebildet hatten.
Für die Wikinger waren diese Schiffe so sehr zum Symbol ihres Selbstbewußtseins geworden, daß sie jedes Langschiff schmückten und herausputzten, um Wohlstand, Status und Macht zu zeigen. Einerseits beeindruckten sie damit Freunde und Verbündete und schüchterten andererseits ihre Feinde ein. Als 1013 in Dänemark eine von König Sven Gabelbart befehligte Flotte unter Segel ging, um in England einzufallen, verfiel ein Chronist beim Anblick so vieler kunstvoll geschnitzter und vergoldeter Schiffe in homerisches Schwärmen:

"Und es waren auf den Schiffen Löwen aus Gold zu sehen und auch Vögel, die auf dem Masttopp durch ihre Bewegungen die Windrichtung erkennen ließen, oder verschiedene Arten von Drachen, die Feuer aus ihren Nüstern bliesen. Hier glänzten Männer aus purem Gold und Silber, lebenden fast täuschend ähnlich, dort sprangen und brüllten Stiere mit emporgereckten Hälsen und ausgestreckten Beinen, als wären sie lebendig. Die Seitenwände der Schiffe waren nicht nur kunstvoll bemalt, sondern auch mit Gold- und Silberfiguren verziert. Das Königsschiff übertraf die anderen ebenso an Schönheit, wie der König den Kriegern an Ehre und Würde überlegen war. Im Vertrauen auf eine solche Flotte waren die Krieger frohen Mutes und umgaben das Königsschiff, wie man es ihnen befohlen hatte: Sie bildeten eine Reihe vor und eine hinter ihm. Weit und breit sah man das blaue Wasser aufspritzen, und das Sonnenlicht verbreitete, vom gleißenden Metall zurückgeworfen, doppelten Glanz."

Ein Wikingerheer ist mit seinen Langschiffen die Seine flußaufwärts gefahren und erstürmt mit Leitern die Stadtmauern von Paris. Dieser Überraschungsangriff im Jahre 845 war einer der ersten Überfälle auf die Stadt, deren massive Festungsanlagen - hier ein phantasievoller französischer Stich aus dem 19. Jahrhundert - die Wikinger oft aufgehalten hatten

Auf dem Meer muß man wachsam und furchtlos sein !
Die nordischen Götter, die das Meer beherrschten, gaben allen Anlaß zur Vorsicht. So verkörperten Ägir und seine Gattin Ran den Ozean als Quelle des Guten und Bösen. Verstand man es, Ägir milde zu stimmen, dann konnte er die Reichtümer des Meeres vor einem auftun, war er jedoch erzürnt, dann verlor selbst der kühnste Wikinger den Mut. In der Frithjofssaga wird dem weisen Seemann empfohlen, immer ein Stück Gold bei sich zu tragen. Würde er nämlich in einem Sturm ertrinken, dann dürfte er Ägirs Gattin nicht mit leeren Händen gegenübertreten. Er könnte sie mit Gold bestechen und sich auf diese Weise seine Aufnahme in Walhall sichern. Ein guter Kapitän hatte dafür zu sorgen, daß alle seine Männer diese Goldgabe hatten, notfalls mußte er aus eigener Tasche dafür aufkommen.
Auch Thor, den Gott des Donners, mußten alle Wikinger, wenn sie auf See waren, milde stimmen, weil er über Wind und Wetter herrschte.

Die erfolgreichen Fahrten verdankten die Wikinger nicht nur ihren großartigen und hochseetüchtigen Segelschiffen. Sie waren auch Seefahrer ohnegleichen, die kühn zu Erkundungsfahrten ins Unbekannte aufbrachen und dann fast beiläufig ihre Reisen wiederholten. Sie hatten einen untrüglichen Orientierungssinn, der geradezu phänomenal war. Das verblüffende an all ihren Fahrten lag darin, daß die Nordmänner einen Instinkt für das Meer hatten - eine Art sechsten Sinn, der dem Landbewohner unheimlich erschien, aber in Wirklichkeit nichts anderes war als ein ungeheurer Wissensschatz, den die Seeleute mühsam und jahrhundertelang anhand ihrer Erfahrungen zusammengetragen hatten.
Die Wikinger maßen der Gestalt von Wolkenformationen, Veränderungen von Wind und Wellen, Meeresströmungen und Grundseen, dem vom Meer aufsteigenden Nebel, der Färbung und der Temperatur des Wassers eine große Bedeutung bei. Sie konnten die Gewohnheiten von Seevögeln deuten und verfolgten aufmerksam die Flugbahn bestimmter Landvögel, die übers Meer zogen; sie blieben den aus dem Norden kommenden Fischen und Walen auf der Spur. An der Dünung, die sich an den den Färörer-Inseln vorgelagerten Bänken bildete, erkannte ein erfahrener wikingischer Seemann, daß er sich dieser Inselgruppe näherte. Der plötzliche Temperaturabfall des Wassers im Gebiet des Polarstroms war für ihn das Zeichen, daß Grönland nicht mehr weit war. Er merkte es auch am deutlichen Unterschied in der Wasserfärbung, die nicht mehr blau, sondern grün war, und schließlich an vereinzelten Treibeisschollen. Unterwegs kam ihnen im allgemeinen auch der Wind zu Hilfe.
Später würden Seeleuten als Hilfsmittel für die genaue Navigation Magnetkompasse und komplizierte Geschwindigkeitsmesser zur Verfügung stehen. Aber zu Wikingerzeiten war der Kompaß noch nicht vom Orient bis nach Europa vorgedrungen. Und was die Geschwindigkeitsmessung anbelangt, so hatten die Wikinger keine andere Möglichkeit, als vielleicht ein Stück Holz ins Wasser fallen zu lassen und zu zählen, wie lange es für die Entfernung vom Bug bis zum Heck des Schiffes brauchte, oder vorbeitreibende Wasserblasen zu beobachten.
Die wikingischen Seefahrer navigierten nach den Sternen und konnten mit Hilfe einfacher Regeln den Kurs und die Entfernung feststellen. Nachts war der Polar- oder Nordstern der wichtigste Anhaltspunkt am Firmament. Dieser Stern war auf seiner knappen Umlaufbahn um den Pol für gewöhnlich am Himmel zu sehen und deshalb für Seefahrer eine unschätzbare Hilfe. In sternenklaren Nächten brauchten sie nur den Winkel zwischen Fahrtrichtung und der Standlinie zum Polarstern festzustellen, und schon hatten sie den Kurs annähernd bestimmt. Später wurde diese Navigationsmethode "Segeln nach der Breite" genannt; sie fand unter den Wikingern weit verbreitete Anwendung, besonders auf ihren großen Entdeckungs- und Handelsfahrten nach Westen, wenn sie Hunderte von Kilometern übers offene Meer fuhren.
Das Navigieren nach der Sonne war schon komplizierter. Im tiefen Winter, wenn die Sonne fast gar nicht aufging, war sie als feste Marke für die Messungen nicht zu gebrauchen. Im Sommer dagegen, wenn die Sonne am Tag und zum Teil auch in der Nacht über dem Horizont stand, machten die Wikinger sich dies vollauf zunutze.

Erik der Rote
In voller Rüstung wirkt Erik der Rote wie ein Ritter der Tafelrunde und nicht wie ein rauher Wikinger. Dieser Holzschnitt des 17. Jahrhunderts stammt aus Norwegen. Es ist eine der ältesten Abbildungen des norwegischen Geächteten, der im Jahre 986 als erster auf Grönland siedelte und der Überquerung des "westlichen Ozeans" Zuflucht und Größe zugleich verdankte.

Erik Thorvaldsson Raudi - Erik der Rote - hatte rotes Haar; rot war auch sein Bart, blutrünstig sein Herz und blutbefleckt seine Hand. Sein Nachbar zu sein war lebensgefährlich. Er war ein Schurke ersten Ranges, durch und durch Heide und unverbesserlich bis zu seinem Ende. Aber er war ein ganz großer Wikinger, ein Mann, dem andere bis ans Ende der Welt folgten und mit dem sie am Rande menschlicher Existenz lebten.
Erik der Rote verkörperte die Größe, aber auch den Verfall des Wikingertums.

 

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