|
|
 | Die Piraten |
|
|
Die Piraten Fortsetzung
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Piraten / © by Webmaster
Piratenflaggen: Embleme des Terrors Bitte auf die Namen klicken
Niemand kennt den Ursprung des Wortes "Jolly Roger", wie die Piratenflagge im Englischen auch genannt wird; vielleicht stammt es von joli rouge (hübsches Rot), der eigentümlichen französischen Beschreibung des blutroten Banners, unter dem die ersten Piraten zu fahren pflegten.
Ungeachtet ihrer Herkunft sollten die Flaggen den potentiellen Opfern der Piraten einen tödlichen Schrecken einjagen. Sie zeigten oft Skelette, Dolche, Entermesser oder blutende Herzen auf weißen, roten oder schwarzen Feldern. Das Motiv des Totenkopfes mit den gekreuzten Knochen tauchte zuerst um 1700 auf, als der französische Pirat Emanuel Wynne dieses furchtbare Emblem - mit einem Stundenglas geschmückt, um seiner Beute zu zeigen, daß ihre Zeit abgelaufen ist - in der Karibik hißte.
Bartholomew Roberts drohte gleich mit zwei Flaggen. Die eine zeigte den Kapitän und ein Skelett, die gemeinsam dem Tod zutrinken. Auf der anderen macht Roberts seinem Haß auf die Inseln Barbados und Martinique Luft und stellt sich mit zwei Totenschädeln dar, unter denen die englischen Abkürzungen für "ein Kopf aus Barbados" und "ein Kopf aus Martinique" stehen. Um 1720 machte Roberts die Drohung wahr und knüpfte den Gouverneur von Martinique an einer Rahe auf.
Stede Bonnet
Henry Every
Emanuel Wynne
Thomas Tew
Jack Rackam
Christopher Moody
Richard Worley
Edward England
Christopher Condent
Bartholomew Roberts 01
Bartholomew Roberts 02
Walter Kennedy
Blackbeard
Edward Low
|
|
Angehörige eines brutalen Gewerbes Fortsetzung
Die Seeräuberei brachte es mit sich, daß Piraten oft von anhaltender Langeweile geplagt wurden, die sie hauptsächlich mit Würfeln und Kartenspielen und dem Abfeuern von Gewehren vertrieben, wenn sie die Munition erübrigen konnten. Ihr größtes Labsal war natürlich der Alkohol, insbesondere der Rum. Einige Piraten, zumindest jene, die lesen konnten, fanden in der Bibel und in Gebetbüchern Trost. Beachtliche Aufmerksamkeiten wurden einem Priester zuteil, der 1721 von Bartholomew Roberts an Bord der Fregatte Onslow gefangengenommen wurde; die Piratenbesatzung bat ihn, ihr Schiffsgeistlicher zu werden. "Punschmachen und Beten" sollten seine wichtigsten Aufgaben sein. Als der Pfarrer das Angebot einer Stellung und eines Anteils an der Beute ausschlug, setzten ihn die Piraten ehrerbietig auf freien Fuß, denn "so brutal sie in anderen Dingen auch sein mochten, brachten sie seinem Stande doch große Achtung entgegen".
Auf ihren endlosen Fahrten und während der langen Aufenthalte in Häfen belebten die Piraten ihr Dasein dann und wann mit einem außergewöhnlichen Spiel: dem Piratentheater oder Scheinprozeß. Sie lebten mit dem Tode ebenso gewiß, wie sie unter der Totenkopf-Flagge fuhren, und viele von ihnen wurden von Ahnungen dessen heimgesucht, was ihnen im Falle ihrer Ergreifung bevorstand, nämlich ein Prozeß und vermutlich der Fallstrick und der Galgen. Um diese Visionen der Vergeltung zu bannen, dachten sich die Piraten ihren eigenen Pseudogerichtshof aus. Jeder Pirat übernahm eine Rolle - Richter, Rechtsanwalt, Geschworener, Gefangenenwärter oder Henker. So setzten sie sich mit der unerträglichen Aussicht auf eine echte Gerichtsverhandlung, eine echte Hinrichtung auseinander.
Eines der auffallendsten Merkmale des Piratenlebens war das fast völlige Fehlen jener charakteristischen Züge der normalen Gesellschaft, die die Piraten verabscheuten - anmaßende Autorität, Klassenunterschiede, mangelndes Mitspracherecht in wichtigen Angelegenheiten. Im Gegensatz zu den Besatzungen der Kaperschiffe, die den Status von Angestellten hatten und für den Kapitän arbeiteten, der seinerseits von den Schiffseignern ernannt wurde, besaßen die Piraten ihr Schiff gemeinsam und arbeiteten für niemanden. Sie wählten ihren Kapitän, und sie konnten ihn absetzen. "Sie gestatten ihm nur, Kapitän zu sein", schreibt Defoe, "unter der Bedingung, daß sie Kapitän über ihn sein konnten." Außer in der Hitze des Gefechts wurden wichtige Entscheidungen im allgemeinen durch Handzeichen getroffen, und wenn dabei eine entsprechend große Minderheit anderer Meinung war, so verließ sie das Schiff und brach auf eigene Rechnung auf.
Im besten Fall war die Piratengemeinschaft eine Art Zunft ohne ideologische Ambitionen. Im schlimmsten Fall war sie eine Anarchie ohne jede Form von Selbstdisziplin. Privilegien galten als erster Schritt zur Autokratie und wurden entsprechend behandelt. Daher besaß der Piratenkapitän auch keinerlei konstitutionelle Autorität und hatte keinerlei Anspruch auf besondere Privilegien, abgesehen von einem doppelten Beuteanteil. Captain Bartholomew Roberts, einer der größten Piratenkapitäne, die es je gab, durfte die Kapitänskajüte und etwas Silberbesteck und Porzellangeschirr benutzen. Doch das hatte wenig zu bedeuten. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit konnte ein Besatzungsmitglied die Kajüte betreten und sich über Roberts' Essen und Trinken hermachen und sein Besteck und Geschirr nehmen; Roberts konnte rein gar nichts dagegen tun.
Captain George Lowther und drei seiner Männer machen es sich an Land gemütlich, während ihr Schiff, die Happy Delivery, gekielholt wird. Dabei mußte man das Schiff auf den Strand setzen, entladen und dann auf die Seite legen, um Fugen und Ritzen neu zu kalfatern, Rankenfußkrebse abzubrennen und Planken zu ersetzen, die der Schiffsbohrwurm angegriffen hatte. Kielholen war auch unter den günstigsten Bedingungen ein gefährliches Geschäft, weil es die Piraten vorübergehend hilflos machte.
|
Nur im Gefecht kam der Piratenkapitän zur Geltung. Roberts' Leutnant, Walter Kennedy, der auf eigene Rechnung loszog und 1721 in London gehängt wurde, sagte bei seinem Prozeß: "Sie wählten einen Kapitän aus ihren eigenen Reihen, der in Wirklichkeit kaum mehr als diesen Titel besaß, außer in einem Treffen, wo er absolut und ohne Kontrolle kommandierte." Defoe ergänzt dies: "Die Macht des Kapitäns ist bei der Verfolgung und im Gefecht unkontrollierbar, wenn er jeden, der sich seiner Befehlsgewalt nicht unterwirft, verprügeln, verwunden oder sogar erschießen kann."
Neben dem Kapitän war der Quartermeister der wichtigste Mann an Bord eines Piratenschiffes. Defoe beschreibt ihn als "den Vertrauensmann der ganzen Schiffsbesatzung...wie bei den Türken der Großmufti gegenüber dem Sultan, denn der Kapitän kann nicht tun, was der Quartermeister nicht gutheißt.
Der Quartermeister war der starke Mann des Schiffes. Er war der Friedensrichter und befugt, kleinere Vergehen, wie Streitereien oder ungenügende Pflege der Waffen, zu bestrafen; über ernste Vergehen konnten dagegen nur Geschworene entscheiden. Er war der einzige Mann auf einem Piratenschiff, der Auspeitschungen vornehmen durfte; diese Art der Bestrafung war jedoch derart verhaßt, daß sie nur gestattet war, wenn sie von der Besatzung durch Stimmenmehrheit gebilligt wurde. Der Quartermeister war auch der erste, der eine Prise enterte; er war für die Auswahl und Verteilung der Beute verantwortlich und befehligte das Beiboot bei besonders schwierigen oder gefährlichen Unternehmungen. Aber auch er war dem Willen der Gemeinschaft unterworfen. Er wurde durch Stimmenmehrheit gewählt und konnte durch sie abgesetzt werden.
Wer immer auch der Piratenbesatzung beitrat, mußte seine Unterschrift unter die Piratenartikel oder Piratenregeln setzen und über einer Bibel oder einem Enterbeil schwören, sie zu befolgen. Die Artikel von Bartholomew Roberts' Besatzung legten fest:
•
"I. Jeder Mann hat in Angelegenheiten von Bedeutung die gleiche Stimme. Er hat Anspruch auf einen gleichen Anteil an frischem Proviant und starken Getränken, wann immer diese erbeutet werden, und kann nach Belieben darüber verfügen, es sei denn, eine Knappheit macht es zum Nutzen aller unumgänglich, über eine Einschränkung abzustimmen.
"II. Jeder Mann soll anständig der Reihe der Musterrolle nach an Bord von Prisen gerufen werden, weil jedem über seinen Anteil hinaus ein Kleiderwechsel zusteht. Aber wenn sie die Gemeinschaft auch nur um den Wert eines einzigen Dollars an Tafelsilber, Juwelen oder Geld betrügen, so sollen sie auf einer Insel ausgesetzt werden. Wenn ein Mann einen anderen beraubt, so soll er Nase und Ohren abgeschnitten bekommen und an Land gesetzt werden, dort, wo er bestimmt in Bedrängnis geraten wird.
"III. Niemand darf um Geld spielen, weder mit Würfeln noch mit Karten.
"IV. Lichter und Kerzen müssen um acht Uhr des Abends gelöscht werden, und wenn ein Mitglied der Besatzung nach dieser Stunde noch weitertrinken will, so muß es das ohne Licht auf offenem Deck tun.
"V. Jeder Mann muß sein Gewehr, sein Entermesser und seine Pistolen jederzeit sauber und gefechtsbereit halten.
"VI. Weder Knabe noch Frau ist bei ihnen erlaubt. Wenn ein Mann dabei erwischt wird, wie er eine Person letzteren Geschlechts verführt und verkleidet an Bord bringt, so soll er den Tod erleiden.
"VII. Wer das Schiff oder seinen Gefechtsposten eigenmächtig verläßt, wird mit dem Tod oder mit Aussetzen bestraft.
"VIII. Niemand darf einen anderen an Bord des Schiffes schlagen, aber jeder Streit kann an Land mit Säbel oder Pistole in dieser Weise ausgetragen werden: Wenn der Quartermeister das Kommando gibt, soll jeder der beiden, die zuvor mit dem Rücken zueinander gestellt wurden, sich umdrehen und unverzüglich feuern. Wenn einer der beiden dies nicht tut, so soll ihm der Quartermeister das Gewehr aus der Hand schlagen. Wenn beide das Ziel verfehlen, so sollen sie zu ihren Entermessern greifen und der, der als erster Blut zieht, soll zum Sieger erklärt werden.
"IX. Keiner der Männer darf davon sprechen, das Piratenleben aufzugeben, ehe nicht jedermann einen Anteil von 1000 Pfund hat. Jeder Mann, der im Dienst zum Krüppel wird oder ein Glied verliert, soll 800 Stücke von Achten aus der Gemeinschaftskasse erhalten und für geringere Verletzungen entsprechend weniger.
"X. Der Kapitän und der Quartermeister erhalten jeweils zwei Anteile von der Beute, der Geschützmeister und er Bootsmann einen und einen halben Anteil, alle anderen Offiziere einen und einen Viertel und gemeine Männer von Vermögen je einen Anteil.
"XI. Die Musiker sollen nur am Sabbat von Rechts wegen ruhen. An allen anderen Tagen nur mit gültiger Erlaubnis."
•
Diese Artikel zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit, Einheit, Sicherheit und des Wohlergehens einer Piratenbesatzung wichen hier und da leicht voneinander ab. Die Regeln von Captain George Lowther trafen Vorkehrungen dafür, daß derjenige, der als erster eine Prise sichtete, mit den besten Pistolen oder anderen Handfeuerwaffen dieses Schiffes belohnt wurde, und bestimmten, daß "anständiger Pardon zu geben ist, wenn darum gebeten wird". Die Artikel von Captain John Phillips legten fest, daß das Schlagen eines anderen Besatzungsmitgliedes, das Rauchen einer Pfeife ohne Deckel und das Tragen einer offenen Flamme im Laderaum nach dem mosaischen Gesetz ("d.h. mit einem weniger als 40 Streichen auf den bloßen Rücken") bestraft werden sollte. Manche Artikel schrieben als Strafe für den Mord eines Piraten durch einen anderen vor, Mörder und Leichnam zusammenzubinden und gemeinsam über Bord zu werfen - also die Strafe, mit der auch die Royal Navy dieses Verbrechen ahndete.
Der Pirat, der im Kampf auf engstem Raum bestehen wollte, mußte ein wandelndes Arsenal sein. Es ist zwar unwahrscheinlich, daß er die Muskete und die Donnerbüchse gleichzeitig bei sich hatte, aber er trug mit Sicherheit ein Enterbeil, um Netze und Takelwerk zu zerhacken, außerdem ein Entermesser, einen Dolch und eine Pistole.
|
•
Das augenfälligste Symbol der Piratenherrschaft war die Totenkopf-Flagge, auch beschönigend "Jolly Roger" genannt. Siehe Seitenanfang
| |
 |
 |
|
|
|