Zurück zur Startseite Impressum Quellenangaben Marinelinks schreib was rein, ich würd mich freun Kontaktformular
Navigation 
 
 
 
marinepage 
 
 
 
 
 

XStat

 

Suchmaschine
         Suchmaschinen Eintrag

Die Piraten

Die Piraten
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Piraten / © by Webmaster

 

In Fehde mit der ganzen Welt
 

"Ich bin ein freier Fürst", brüstete sich der Pirat Charles Bellamy gegenüber dem Kapitän eines Bostoner Handelsschiffs, das er 1717 vor South Carolina gekapert hatte, "und habe Macht, der ganzen Welt den Krieg zu erklären wie nur einer, der hundert Schiffe auf See und 100 000 Mann im Felde hat". Bellamys Behauptung klingt heute zwar nicht großspurig, aber zu seiner Zeit war sie durchaus nicht unrealistisch. Denn Bellamy lebte auf dem Höhepunkt des Großen oder, wie es von manchen genannt wurde, Goldenen Zeitalters der Piraterie, als Tausende und aber Tausende von Piraten auf allen Seewegen der Welt faktisch Krieg führten.
Obgleich diese Ära nur knapp 30 Jahre dauerte, fügten die Piraten in dieser Zeit der Schiffahrt so großen Schaden zu, daß der normale Handelsverkehr - und sogar die Wirtschaft einiger Länder - bedroht war. Ob ein Schiff unter spanischer, französischer, englischer, indischer oder arabischer Flagge fuhr, machte keinen Unterschied. Die Piraten wandten sich gegen alle Staaten, und jedes Schiff war ihnen als Opfer recht. Ihre Beute war so unermeßlich und ihr Einfluß so nachhaltig, daß die schrecklichsten Piraten und ihre Heldentaten schon zu ihren Lebzeiten sagenumwoben waren: Wie der teuflische Blackbeard einen portugiesischen Gefangenen zwingt, die eigenen Ohren, Lippen und die eigene Nase zu essen; wie Captain Kidd eine ganze Schiffsbesatzung an den Armen in der Tropensonne aufhängt, damit sie ihm verrät, wo ihr Gold versteckt ist; wie Henry Every die Tochter des Großmoguls von Indien schändet, sich dann in sie verliebt und sie schließlich heiratet - solche Erzählungen gingen von Mund zu Mund.
Einige dieser Geschichten mögen zum größten Teil erfunden sein, aber die Wahrheit über die Piraten war dennoch unglaublich genug. Wer diese Männer waren, warum sie plötzlich über die Welt hereinbrachen und wie ihr Schicksal sie ereilte, hat die Geschichtsschreiber schon seit längerem fasziniert. Der wohl beste Bericht über die Piraten und ihre Verbrechen war ein enzyklopädischer
 
Wälzer, der 1724 unter dem Titel - A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates - erschien und auch ins Deutsche übersetzt wurde. Der Verfasser war, wie man heute mit ziemlicher Sicherheit weiß, der unter einem Pseudonym schreibende englische Romanschriftsteller und Journalist Daniel Defoe. Holzschnitte wurden als Illustration einer 1725 in England erschienenen Ausgabe von Defoes Chronik angefertigt, um die Neugierde der Bürger des 18. Jahrhunderts zu befriedigen, die wissen wollten, wie die Schurken aussahen.
Wie exakt diese Darstellungen sind, läßt sich nur vermuten. Der Name des Künstlers ist nicht mehr bekannt, und Defoe gibt keine Erläuterung zu den Bildern. Wahrscheinlich wurden sie jedoch nach Beschreibungen hergestellt, die Defoe auf Grund seiner umfassenden Studien über die Piraten und ihre Eigenheiten beisteuerte.
Defoe billigte die Taten der Piraten nicht, über die er schrieb; ganz im Gegenteil. Als er den verheerenden Überfall auf eine neufundländische Fischereiflotte schilderte, schrieb er: "Sie sind wie Wahnsinnige, die Feuer, Pfeile und den Tod verbreiten und sagen, sind wir nicht Pfundskerle?" Und als einer der Angreifer gefaßt und gehängt wurde, überlegte Defoe: "Auf diese Weise sehen wir, welch verhängnisvolles Schicksal stets die Gottlosen erwartet und wie selten sie der Strafe für ihre Verbrechen entrinnen."
Dennoch bemühte sich Defoe, die Piraten zu verstehen, und ließ gelegentlich Bewunderung für diese kühnen Seefahrer durchblicken. Sie seien oft tapfere Männer und kluge Krieger, schreibt er in seinem Vorwort, und Rom sei keineswegs von besseren Männern gegründet worden. "Wäre die Weiterentwicklung unserer Piraten ihren Anfängen gleichgekommen, hätten sie sich zusammengetan und auf einer dieser Inseln niedergelassen, dann", so schließt er, "wären sie mittlerweile geachtete Bewohner eines Staatswesens geworden, und keine Macht in jenem Teil der Welt wäre imstande gewesen, ihnen dieses streitig zu machen."

Die Holzschnitte für Defoes Chronik    Bitte auf die Namen klicken

Henry Every
Im Jahre 1695 brachte Every, der einer der berühmtesten Piraten war, einen derart sensationellen Schatz auf, daß die Nachricht seines Handstreichs ihn in England und den Kolonien zum Helden jedes arbeitslosen Seemanns und schlecht bezahlten Tropfes machte. In den Augen der Armen jener Zeit, schreibt Defoe, "kam (Every) der Rang eines Königs zu, und er schien geeignet, der Gründer einer neuen Monarchie zu werden".

Edward England
Als die britische Marine Edward England 1718 aus der Karibik vertrieb, wurde er zur Geißel der afrikanischen Gewässer. "Er war von sehr gutmütiger Natur", schreibt Defoe, "und der schlechten Behandlung, die Gefangenen widerfuhr, stets abhold." Diese Güte wurde ihm zum Verhängnis: Weil er dem Kapitän eines gekaperten Handelsschiffs die Freiheit schenkte, wurde er abgesetzt und starb als Bettler auf Madagaskar.

Stede Bonnet
Der im Ruhestand lebende Major Bonnet war behäbig und glattrasiert und trug die gepuderte Perücke des Gentleman. Er war ein solcher Stutzer, daß der satanische, schlampige Blackbeard in schallendes Gelächter ausbrach, als sich die beiden 1718 begegneten. Bonnet wurde von Blackbeard um sein Schiff gebracht - "abgeschoben", wie es Defoe ausdrückt, "ungeachtet dessen, daß die Schaluppe ihm selbst gehörte".

Charles Vane
Obgleich Vane 1718 vor Nassau dreist zwei britische Kriegsschiffe herausgefordert hatte, wurde er von seiner Besatzung als Kapitän abgewählt, als er sich später klugerweise vor einem schwer bewaffneten französischen Kriegsschiff zurückzog. Er wurde bald gefaßt und gehängt und starb, wie Defoe berichtet, "unter Qualen, die seinen Schurkenstreichen gleichkamen, zeigte aber keine Reue wegen seiner Verbrechen".

John Rackam
An Vanes Stelle wurde Rackam, den man wegen der bunten Baumwollkleidung, die er oft trug, Calico Jack nannte, von der Schiffsbesatzung zum Kapitän gewählt. Bis zu seiner Gefangennahme im Jahre 1720 machte er Raubzüge in ganz Westindien. Aber Rackams Platz in der Geschichte beruht auf seiner großen Romanze mit der Piratin Anne Bonny. Defoe zufolge hatte Tackam stets "nichts als Anne Bonny im Kopf".

Bartholomew Roberts
Der hervorragende Seemann Roberts, der zum größten Piraten seiner Zeit wurde, begann seine Laufbahn Defoe zufolge aus lauter falschen Gründen. "Er konnte nicht Mangel an Arbeit geltend machen noch Unfähigkeit, sich sein Brot auf ehrliche Weise zu verdienen, sondern gab freimütig zu, daß er es tat, um sich der lästigen Übermacht einiger Kapitäne, die er kannte, zu entledigen - und wegen seiner Vorliebe für Abwechslung."

Howell Davis
Bis zu seinem Tode im Jahre 1720 gehörte Davis zu den gerissensten Piraten und gab sich oft als Kaufmann oder gar Piratenjäger aus, um seine Beute besser taxieren zu können. Seine halsabschneiderischen Besatzungen, denen es ein leichtes gewesen wäre, zu meutern und ihren Kapitän abzusetzen, hatten "eine so hohe Meinung von ihm", erzählte Defoe, "daß sie bei ihm nichts für unmöglich hielten".

Daniel Defoe
Bereits zu Lebzeiten des produktiven Autors und Journalisten Daniel Defoe, den auf diesem Stich von 1706 eine stattliche Perücke ziert, erreichte sein "Schauplatz der englischen See-Räuber", wie die erste deutsche Übersetzung hieß, neun Auflagen und wurde in vier Sprachen übersetzt. Mit der Zeit gab es über 65 Auflagen.

Angehörige eines brutalen Gewerbes

"Kein Mann wird Matrose", erklärt Dr. Samuel Johnson, der berühmte englische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, "der genug Findigkeit besitzt, sich selbst ins Gefängnis zu bringen: denn auf einem Schiff sein heißt in einem 'Gefängnis' sein, in dem er befürchten muß zu ertrinken. In einem Gefängnis hat ein Mann mehr Platz, besseres Essen und im allgemeinen auch bessere Gesellschaft."
Jeder Pirat, der die irdische Hölle eines Londoner Gefängnisses kennengelernt hatte, hätte Dr. Johnson ausgelacht. Dennoch enthielten seine Worte ein Körnchen Wahrheit. Selbst unter den günstigsten Umständen konnte das Leben auf See im 18. Jahrhundert unglaublich hart sein. Für die Piraten war es in mancher Hinsicht besser, in mancher Hinsicht schlechter als für den gewöhnlichen Seemann. Für den, der Individualität, Reichtum und Flucht aus der Unterdrückung suchte, bot das Leben an Bord eines Piratenschiffes Möglichkeiten ohnegleichen, die unerbittlichen Forderungen der See aufzuwiegen.
Segelschiffe aus Holz waren feuchte, düstere, freudlose Stätten, in denen der Gestank von Bilgewasser und verdorbenem Fleisch hing. Ein Holzschiff leckte bei jedem Wetter; seine Planken konnten selten so gründlich kalfatert werden, daß sie kein Wasser eindringen ließen. Bei schwerem Seegang schlugen die Wellen durch die Luken, so daß das Unterdeck unter Wasser stand, und wenn das Innere eines Schiffes erst einmal naß war, so wurde es kaum wieder trocken. Die Männer hatten arg unter Krämpfen, Erkältungen und Katarrhen zu leiden, die durch den Mangel an trockener Kleidung und durch das unaufhörliche Einholen von Tauen und Segeln und das Bemannen der Pumpen noch verschlimmert wurden. Wenn ein Matrose unter Deck ging, so stand ihm nur das Vorderkastell - das Logis - zur Verfügung; dort, in dem jämmerlichen, nur von Kerzen erhellten Dunkel, durfte er sich dann mit einem Schiffskameraden eine triefende Decke teilen.
Die Piraten waren besser daran als die meisten Seeleute, weil sie hauptsächlich in wärmeren Gegenden operierten und daher den Qualen der Kälte entgingen. Andererseits hatten sie unter der furchtbaren Hitze des Roten Meeres und anderer tropischer Gewässer zu leiden - und unter schrecklicher Überbelegung. Um alle Geschütze bemannen und die Beute entern zu können, wies ein Piratenschiff oft eine drei- bis viermal so große Besatzung auf wie ein Handelsschiff. Manchmal waren bis zu 250 Männer auf einem Schiff zusammengepfercht, dessen Länge selten mehr als 127 Fuß und dessen größte Breite kaum mehr als 40 Fuß betrug.
Die Brigantine
Die Brigantine, das schnelle und robuste Arbeitspferd jener Zeit, war das auserwählte Kampfschiff vieler Piratenkapitäne. Im Grunde genommen war sie ein Zweimaster, dessen Großmast entweder Rah- oder Gaffelsegel oder eine Kombination von beiden führte, wodurch sie äußerst beweglich wurde. Die Rahsegel trugen sie am besten bei Backstagswind, während die Gaffelsegel am wirkungsvollsten waren, wenn sie am Wind fuhr. Das hier gezeigte Schiff war 80 Fuß lang und mit seinen 150 Tonnen groß genug, um 10 Kanonen und 100 Mann zu tragen.
Sie schliefen Seite an Seite auf dem Fußboden des Zwischendecks oder lagen, nach den Worten eines gefangengenommenen Kapitäns, "dichtgepackt wie Hunde an Deck".
Alle Besatzungen taten ihr Bestes, um Seuchen zu bekämpfen. Handelsschiffe wuschen ihre Decks mit Essig und Salzwasser ab. Die Piraten brachten es sogar fertig, ihre Decks mit gestohlenem französischem Cognac abzuspülen, wenn sie eine Menge davon hatten und gerade in Laune waren. Das auf allen Schiffen unter Deck gebräuchliche Verfahren bestand darin, Ungeziefer mit Kesseln voll brennendem Pech und Schwefel auszuräuchern. Aber nichts konnte der Anhäufung von Schmutz und dem massenhaften Eindringen von Ungeziefer auf einer langen Fahrt Einhalt gebieten. Es gab Winkel und Ritzen, die nie gesäubert oder getrocknet werden konnten. Auf dem Boden des Schiffsrumpfes sammelte sich Abfall an und wurde zur Brutstätte von Käfern, Kakerlaken und Ratten. Auf einer langen Fahrt verlor ein Kapitän - ob Pirat oder Handelsschiffer - nicht selten die halbe Besatzung durch Krankheit. Fleckfieber und Typhus waren an Bord eines Schiffes alltäglich. Außerdem fielen die Matrosen dem Skorbut zum Opfer, der durch den Mangel an frischem Obst, besonders Zitrusfrüchten mit ihrem hohen Vitamin-C-Gehalt, verursacht wird. Ferner litten sie schrecklich an Ruhr, Malaria und Gelbfieber. Unter den Piraten grassierten Geschlechtskrankheiten, so daß die Besatzungen, die an Bord gekaperter Schiffe kamen, oft mehr daran interessiert waren, die Arzneikiste nach Quecksilberpräparaten zur Behandlung der Syphilis zu durchstöbern, als nach Beute zu suchen.
Matrose fängt Schildkröte
Der aus dem Jahre 1724 stammende Stich eines Matrosen, der eine Schildkröte auf den Rücken wirft, beruht auf den Erinnerungen eines umherziehenden Priesters, der 12 Jahre lang den Piraten Westindiens predigte. Die Schildkröte war ein ideales Nahrungsmittel: Sie blieb bewegungslos liegen, bis der Fänger zurückkam, um sie zu holen, und konnte im Schiffsraum so lange am Leben erhalten werden, bis der Koch sie schlachtete.

Was Seewölfen schmeckte

Auf Grund ihrer unsteten Lebensweise konnte es bei den Piraten keine festen Verpflegungsvorschriften geben wie bei der britischen Marine, die "gut gewürzte Viktualien, sowohl Fleisch als auch Fisch" verordnete. Für die Piraten hieß es Festtag oder Fasttag - oft das letztere. Aber wenn die Piraten an Land gingen oder ein Handelsschiff mit gut gefüllter Speisekammer aufbrachten, gab es ein salmagundi genanntes herzhaftes Mahl. Der Name ist vermutlich eine Verballhornung des mittelalterlichen französischen Wortes salemine, was gepökelt oder stark gewürzt heißt, das sich dann im 16. Jahrhundert durch den feinschmeckerischen Rabelais zu salmagonde entwickelte. Jedenfalls war es ein sehr wandlungsfähiges Gericht. So konnte ein Koch als Grundlage für seine salmagundi zwischen Schildkrötenfleisch, Fisch, Schweinefleisch, Huhn, eingesalzenem Rindfleisch, Schinken, Ente und Taube wählen oder aber alles gemeinsam verwenden. Das Fleisch wurde gebraten, kleingeschnitten und in gewürztem Wein mariniert und dann mit Kohl, Sardellen, Salzheringen, Mangos, hartgekochten Eiern, Palmenherzen, Zwiebeln, Oliven, Trauben und anderem eingelegtem Gemüse, das gerade zur Hand war, zusammengerührt. Danach wurde das Ganze tüchtig mit Knoblauch, Salz, Pfeffer und Senfkörnern gewürzt und mit Essig und Öl übergossen. Dazu gab es Bier oder Rum.

 

  back top