Zurück zur Startseite Impressum Quellenangaben Marinelinks schreib was rein, ich würd mich freun Kontaktformular
Navigation 
 
 
 
marinepage 
 
 
 
 
 

XStat

 

Suchmaschine
         Suchmaschinen Eintrag

Die Ostindienfahrer

Die Ostindienfahrer Fortsetzung
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Ostindienfahrer / © by Webmaster

 

Ein Pionier der Schiffsärzte

Zur Zeit der Ostindienfahrer zählte der Schiffsarzt zu den weniger beliebten Besatzungsmitgliedern. Seine Fertigkeiten wurden häufig in Zweifel gezogen: Im 17. Jahrhundert schrieb ein Seemann, daß die Schiffsärzte nur allzuoft "betrunkene, unvorsichtige und liederliche Zeitgenossen" seien.
Schädeloperation
Eine Abbildung aus dem Handbuch John Woodalls zeigt Klingen, Zangen und Bohrer für Schädeloperationen.
Es gab allerdings einen Mann, der sich 30 Jahre seines Lebens abmühte, um diesem Stand der Dinge abzuhelfen. Es handelte sich um John Woodall, einen Londoner Schiffsarzt, der sich seinem Beruf verschrieben und viele Neuerungen eingeführt hatte. Er wurde im Jahre 1612 zum leitenden Schiffsarzt der englischen Ostindischen Kompanie ernannt.
Woodall stellte ab sofort nur noch solche Schiffsärzte ein, die seinen Anforderungen an ärztliches Können genügten (viele von ihnen waren von ihm ausgebildet worden); außerdem ergänzte er ihre Ausrüstungen mit geeigneten Arzneien und Instrumenten - darunter auch mit einem, das er selbst erfunden hatte: dem Schädelbohrer, einem Hilfsmittel zum Entfernen von Knochen- splittern der Schädeldecke. Der Gang der Operation war zwar altbekannt; sie wurde aber bislang mit einer zylindrisch geformten Säge ausgeführt, die unpräzise arbeitete und häufig zu tief schnitt. Das von Woodall erfundene Instrument wies einen konisch geformten, hohlen Fräskopf mit einer Bohrspitze im Inneren auf. Dadurch konnte der Schiffsarzt das Instrument während des Bohrens sicher halten und den Bohrvorgang unmittelbar vor Erreichen der Hirnrinde beenden. Die Köpfe der Bohrwellen waren austauschbar.
Woodalls wohl bedeutendstes Werk war sein "Ratgeber für Schiffsärzte". Er mahnte Kollegen, die Säge, "dieses große und schreckliche Instrument", im Gegensatz zur herrschenden Praxis nur mit höchster Vorsicht zu benutzen. Er Wies darauf hin, daß "Übereifer häufig mehr Schaden anrichtete als Nutzen bringt", und fügte hinzu, es sei "eine Anmaßung, das, was Gott geschaffen hat, zu zerstückeln". Er hatte auch ein für die damalige Zeit bemerkenswertes Einfühlungsvermögen: Er wies seine Kollegen darauf hin, sie könnten seelische Qualen verhindern helfen, wenn sie "scharfe Instrumente außerhalb des Sichtbereichs der Patienten" deponierten.
Als Woodall 1643 starb, wurde auf allen Ostindienfahrern nach seinem Handbuch praktiziert; es war sogar noch viele Jahre später in allgemeinem Gebrauch. Woodalls Einfluß war so nachhaltig, daß ein englischer Schiffsarzt noch Ende des folgenden Jahrhunderts schreiben konnte, seine Ratschläge "werden von der modernen Medizin in vielen Punkten bestätigt".

Harte Strafen für Vergehen an Bord

Nichts fürchteten die Männer an Bord der Ostindienfahrer mehr als die harte Bestrafung, die ihnen bei Verstößen gegen die Schiffsordnung zuteil wurde. Einem holländischen Sprichwort gemäß wurden die Seeleute "an Land wie Männer, an Bord wie Esel" behandelt. Da Seeleute für aufsässig gehalten wurden, gab es nach altem Gesetz und Seefahrertradition drakonische Strafen.
So wurde etwa auf holländischen Ostindienfahrern ein Seemann, der seine Nahrung über Bord warf, mit Peitschenhieben bestraft. Der Grund war, daß man mit der Nahrung, auch wenn sie noch so unappetitlich war, haushalten mußte. Wer ohne Erlaubnis ein Boot benutzte, wurde ebenfalls ausgepeitscht; die Kompanie befürchtete stets, daß ihre Seeleute das Weite suchten. Da man fest davon überzeugt war, die Geschicke des Schiffes würden in der Hand einer zornigen Vorsehung liegen, war es bei Geld- und Prügelstrafen verboten zu fluchen.
Die Härte der Bestrafungen war in der Regel von der Schwere des Vergehens abhängig. Ein Seemann, der einen anderen in einen Faustkampf verwickelte, wurde in Eisen gelegt und erhielt nur noch Wasser und Brot. Wenn er ein Messer zog, wurde er dreimal von der Rahnock aus ins Wasser fallengelassen. Wenn man es zum zweiten Mal zog, wurde man kielgeholt; Man ließ ihn von der Rahnock aus ins Wasser fallen, zog ihn mit einem Seil unter dem Schiffsrumpf durch und auf der anderen Seite wieder zur Rahnock hinauf.
Endete ein Kampf blutig, wurde dem Schuldigen eine Hand auf den Rücken gebunden; die andere wurde mit einem Messer an den Mast genagelt. In dieser Stellung überließ man ihn sich selbst, bis er es fertigbrachte sich zu befreien. Endete ein Kampf tödlich, wurde der Täter Rücken an Rücken mit seinem Opfer zusammengebunden. Anschließend wurden beide über Bord den Haien zum Fraß vorgeworfen.
Es gab sogar einige Kapitäne, denen die beschriebenen Strafen noch zu milde erschienen. Aus dem Tagebuch eines Schiffsreisenden ging hervor, daß ein englischer Kapitän stets die Zahl der Peitschenhiebe verdreifachte, "wenn der Betroffene auch nur einen Ton von sich gab", während er die Prügel bezog. Den Kapitänen war nur insofern Zurückhaltung geboten, als sie Gefahr liefen, daß ihnen die Malträtierten Seeleute an Land auflauerten und sich ebenso brutal rächten.

Kostbares Porzellan, wie es die Europäer liebten

Wasserkrug
Dieser 26 Zentimeter hohe Wasserkrug ist mit dem Emblem des portugiesischen Königs Manuel verziert. Es gehört zu den ersten Porzellanstücken, die im Auftrage eines Europäers angefertigt wurden.

Im Jahre 1604 kaperten Holländer die portugiesische Karacke Catharina, die sich auf der Heimreise aus dem Orient befand, und versteigerten die erbeutete Fracht im Amsterdam. Die Ladung des Schiffes umfaßte unter anderem mehrere Tonnen Porzellan, das die Portugiesen als Ballastmaterial verwendeten, die Holländer hingegen für besonders wertvoll hielten. Das Porzellan wurde bei einer Temperatur von 1500 Grad aus einer feinen, weißen Masse gebrannt, die man in Europa nicht kannte. Es war hellglänzend, sehr hart und wirkte im Vergleich zu europäischer Keramik ausgesprochen zart und edel.
Zuvor hatte Porzellan kaum außerhalb von Lissabon Verbreitung gefunden. Jetzt fand man in ganz Nordeuropa Gefallen daran, und chinesisches Porzellan wurde genauso beliebt wie chinesischer Tee. In den folgenden 50 Jahren wurden allein auf holländischen Schiffen drei Millionen Stück Porzellan in die Heimat gebracht. Im Jahre 1712 mußten in Ching-te-chen, dem größten chinesischen Zentrum der Porzellanherstellung, Tag und Nacht 3000 Brennöfen unter Feuer gehalten werden, um die Nachfrage zu befriedigen.
Reiche Leute in Europa legten sich umfangreiche Porzellansammlungen zu. August der Starke, Kurfürst von Sachsen, verfügte über die stolze Zahl von 10 000 Stück. Aber auch Angehörige des Bürgertums wurden vom Sammelfieber gepackt. Der Satiriker Daniel Defoe machte sich über seine Landsleute lustig, die ihr Porzellan "auf jedem verfügbaren Kaminsims bis kurz unter die Zimmerdecke stapelten".
Die ersten importierten Porzellanstücke waren weiß mit blauem Dekor und zeigten traditionelle chinesische Motive: Landschaften und abstrakte Muster. Aber bald nahmen die chinesischen Kunsthandwerker abendländische Elemente - etwa ein holländisches Haus oder einen Engel mit Flügeln - in ihre Dekorationen auf. Schließlich wurden ganze Szenen von Zeichnungen, Drucken oder Medaillen kopiert.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts führte die Massenproduktion zu einem spürbaren Qualitätsverlust der Erzeugnisse. Außerdem hatten die Europäer inzwischen selbst gelernt, Porzellan herzustellen, das sich mit chinesischer Importware messen konnte. Um die inländischen Produkte konkurrenzfähig zu machen, wurde ein Schutzzoll von 150 Prozent erhoben. Daraufhin hörte der Handel mit Porzellan so schnell wieder auf, wie er begonnen hatte.

Außergewöhnliche Schiffe für exotische Geschäfte

Die englische Ostindische Kompanie konzentrierte sich darauf, ihre eigenen, riesigen Gewinne aus dem Handel zwischen Europa und dem Orient zu ziehen, und duldete seit den Anfängen private Handelsgeschäfte ihrer Angestellten. Einigen von ihnen gelang es, durch privaten Handel zwischen den Häfen des Orients ein kleines Vermögen zu verdienen.
Ein indischer Fürst...
Ein indischer Fürst, eine reiche englische Witwe und drei Angestellte der Ostindischen Kompanie einigen sich, ihr Kapital zum Kauf von Opium und anderen Handelswaren zusammenzulegen und eine kleine Flotte von Schiffen für den Handel zwischen orientalischen Häfen auszurüsten.
Anfangs wurden im asiatischen Zwischenhandel nur kleine Briggs eingesetzt, die von zu Interessengruppen zusammengeschlossenen Kompaniebediensteten gekauft oder gemietet wurden. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts aber hatte dieser Handel einen so großen Umfang angenommen, daß britische Investoren ein speziell für diesen Zweck geeignetes Schiff in Auftrag gaben. Es war größer als eine Brigg und mit einem Kesselboden ausgerüstet, damit es seichte Buchten und die Einfahrten zu den kleinen orientalischen Häfen passieren konnte.
Die Ursache für diese Entwicklung war im drastischen Aufschwung des illegalen Opiumhandels zu suchen. Bis 1729 hatte die englische Ostindische Kompanie selbst und durchaus legal große Mengen bengalischen Opiums nach China verschifft; das Rauschgift war für die Chinesen die begehrteste Ware im Austausch gegen Tee. Im Jahre 1729 aber verbot der Kaiser von China jeglichen Opiumhandel und warnte die Kompanie, entweder davon Abstand zu nehmen oder ihre Handelsrechte einzubüßen. Die privaten Händler ließen sich durch das Verbot nicht weiter stören. Sie unterhielten durch ein Netz bestochener Hafenbeamter in Batavia und Macao heimliche Beziehungen zu chinesischen Schmugglern und lieferten weiterhin Opium. Es war jedoch die Kompanie, welche den privaten Händlern das Opium verkaufte. Dadurch kam sie zu den nötigen Devisen in Form von Silber und Goldmünzen, um in China Tee kaufen zu können.
Die Schiffe für den innerasiatischen Handel wurden auf indischen Werften und nur auf Bestellung gebaut. Äußerlich glichen sie den mächtigen Ostindienfahrern; bautechnisch waren sie ihren europäischen Vorbildern sogar in vielen Dingen überlegen. Ihre Rumpfplanken wurden aus Teakholz von der Malabarküste zugeschnitten, das stabil, ölhaltig und fast frei von Astknoten war und oft über 100 Jahre hielt, ohne zu verrotten. Die Planken wurden so dicht gefugt, daß sie nicht mehr kalfatert zu werden brauchten. Die Fugen wurden statt dessen mit außerordentlich fest aushärtendem Harzleim bestrichen. Dadurch entstand der Eindruck, als bestünde der fertiggestellte Rumpf aus einem einzigen, massiven Stück Holz. Unterhalb der Wasserlinie wurde der Rumpf mit einer ungewöhnlichen Mischung aus Fischöl und Leim bestrichen, die nicht nur die holzfressenden Bohrwürmer abhielt, sondern auch verhinderte, daß sich - wie auf den Kupferbeschlägen der englischen Schiffe - ein moosartiger Algenbelag bildete.
Die Takelage bestand aus nichtfaulenden Seilen, die aus Kokosfasern gedreht wurden. Ihre Segel wurden aus Bombay-Segeltuch zugeschnitten - einem groben, goldfarbenen Material. Die meisten der weniger belasteten Mastbäume und Spieren wurden aus Bambus gefertigt. Diese exotischen Merkmale harmonierten vorzüglich mit den handgeschnitzten, vergoldeten Zierleisten. Ein Engländer, der eine Flottille dieser Handelsschiffe auslaufen sah, rief: "Dort segelt die beste Handelsschiffsflotte der Welt!"

 

  back top