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Die Kriegsschiffe

Die Kriegsschiffe
© by Ausgabe Reinh. Mohn Verlag / © by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Kriegsschiffe / © by Webmaster

 

Die Zeit der bewaffneten Segelschiffe

Am 17. November 1665, als sich Briten und Holländer gerade wieder einmal an die Kehle gingen, legte sich der Marinesekretär Samuel Pepys, einer der vier höchsten Beamten in der Marineverwaltung, später als gewöhnlich zur Ruhe. Er hatte in einem langen Brief über »die schlechten Verhältnisse in der Marine« und »bevor es zu spät sei«, dem Lord High Admiral Herzog von York den dringenden Bedarf an Geldmitteln berichtet. Dieser Geldmangel war ein immer wiederkehrendes Problem in der Geschichte der englischen Marine.
Erst 60 Jahre waren vergangen, seit König Jakob I. von der Königin Elisabeth eine schlagkräftige Flotte geerbt hatte, an der sich dann bis zum Beginn des Dampfzeitalters mehr als zwei Jahrhunderte hindurch der Kriegsschiffbau orientieren sollte. Die Engländer schworen auf das »runde Schiff«, das ihnen mit seinem guten Seeverhalten in schlechtem Wetter und mit genügend Platz für die Ausrüstung einer langen Reise bisher gute Dienste geleistet hatte; und Sir John Hawkins, einer der bedeutendsten Seeleute, zeigte dazu noch einen Weg, vorhandene Mängel in seiner Brauchbarkeit als Kriegsschiff abzustellen. Mit einem verbesserten Verhältnis von Länge zur Breite gelang es den Engländern, bessere Segeleigenschaften zu erzielen. Das »runde Schiff« verlor damit auch sein schwerfälliges Aussehen und war mit einer größeren und wirksameren Segelfläche nun auch besser getakelt.
Seit Heinrich VIII., der Vater Königin Elisabeths I., die Breiseitenbewaffnung eingeführt hatte, durfte man die Marine nicht mehr nur als eine Ansammlung von Schiffen ansehen, deren Aufgabe es vor allem war, auf ihren vorn und hinten errichteten »Burgen« bewaffnete Männer zu transportieren. Die auf Lafetten stehenden »großen Kanonen« revolutionierten sowohl die Bauart der Schiffe als auch ihren Verwendungszweck und die Art und Weise, Kriege zu führen. So große und schwere Waffen ließen sich aus Stabilitätsgründen - so stellte sich schnell heraus - nur auf einem unter dem Oberdeck eingezogenen Hauptdeck aufstellen. Als einer von Heinrichs Schiffsbauern dann die aufsehenserregende Neuerung einführte, Öffnungen in die Bordwände zu schneiden, durch die hindurch die Kanonen feuern konnten, war die Marine der Zukunft geboren.
Mary Rose
Sollte das erste Schiff mit Geschützpforten, wie man annimmt, tatsächlich die Mary Rose gewesen sein, so wäre es durchaus möglich, daß man eines Tages aus den noch vor Spithead liegenden Überresten den Prototyp wieder rekonstruierte. Die Great Harry oder, wie sie auch hieß, Henry Grâce à Dieu, wäre dann das zweite auf die neue Art ausgerüstete Schiff gewesen.    Bild rechts
Mit dem Einbau von Kanonen wurden hohe Aufbauten überflüssig, die bisher die gefährliche Instabilität verursacht hatten. Das übriggebliebene und weniger übertriebene Backdeck setzte man vom Vorsteven zurück und wandelte die bisherige unglückliche Heckkonstruktion in niedrige Viertel- und Poopdecks oder auf größeren Schiffen auch in halb-, Viertel und Poopdecks um, wobei die oberen Decks treppenartig auf die darunterliegenden gesetzt wurden.
Alle Schiffe hatten eine viereckige Gillung - Die Gillung des Schiffs ist ein Begriff aus dem Schiffbau und bezeichnet den unteren Teil des Achterschiffes von der Wasserlinie bis zum Heck, der nach innen gewölbt ist. Dort befinden sich die Gillungsspanten. Die Gillung eines Segels ist die Krümmung in dessen Schnitt.    - oder ein Spiegelheck mit Heckbalken. Auch die Takelage erfuhr entsprechende Verbesserungen. Als die Flotte es mit der spanischen Armada zu tun bekam, hatten die zehn größten Schiffe vier Masten und fast alle anderen drei. Der weit hinten aufgestellte vierte Mast, der sogenannte Bonaventuramast, auch zweiter oder äußerer Besan genannt, erfreute sich großer Beliebtheit, bis er 1618 durch die Einführung viereckiger Marssegel am Kreuzmast seine Bedeutung verlor und außer Mode kam. Nachdem man entdeckt hatte, daß die Schiffe ohne den Bonaventuramast besser segelten, verschwand er um 1640 gänzlich.
Zwischen 1611 und 1618 wurde ein an einem Mast am vorderen Ende des Bugspriets gesetztes oberes Sprietsegel gebräuchlich und konnte sich dort trotz der exponierten Lage bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts halten. Zum Ende des 16. Jahrhunderts wurden auch Bramsegel allgemein eingeführt, nachdem der bereits erwähnte John Hawkins leicht zu fierende und an Deck zu nehmende Marsstengen entwickelt hatte. Um 1600 gehörten die Marsstengen bereits zur Standardausstattung größerer Kriegsschiffe; kleinere Schiffe kamen jedoch weiterhin ohne sie aus. Wenig ist über diese Schiffe bekannt, außer das sie im allgemeinen mit sechs Segeln, nämlich dem Sprietsegel, Fock, Vormarssegel, Großsegel, Großmarssegel und einem Lateinersegel am Besan getakelt waren.
Unvermeidlich blieben Wurzeln zur Vergangenheit weiter bestehen. Die Flotte, die der Armada gegenüberstand, war in ihrer Zusammensetzung noch »Englands alte Marine«. Von den 197 Schiffen unter Sir Charles Howards und Sir Francis Drakes Kommando waren nur 34 Schiffe Eigentum der Krone, also echte Kriegsschiffe, die restlichen 163 gehörten Privatleuten! Man hatte sich also zur Zeit Königin Elisabeths noch nicht vollkommen von der mittelalterlichen Vorstellung abgekehrt, in der die Schiffe vor allem als Transportmittel angesehen wurden, deren Hauptaufgabe es war, bewaffnete Kämpfer auf See zu bringen. Und sicherlich denkt man an frühere Zeiten zurück, wenn man hört, daß auf der Revenge Bogen und Bündel von Pfeilen mitgeführt wurden und noch in Gabeln oder auf die Verschanzungen gelegte Arkebusen in den Kampf eingriffen. Dieses berühmte Kriegsschiff, welches in dem schicksalsträchtigen Sommer 1588 Sir Francis Drake als Flaggschiff dienste, hatte sich bereits zur Zeit seiner Fertigstellung, mithin elf Jahre vor dem Kampf mit der Armada, als eines der Schiffe in der Flotte von John Hawkins seinen Platz in der Geschichte verdient. Zwei Schiffbauer mit überragenden Fähigkeiten, Matthew Baker und Peter Pett, hatten mit der Revenge eine neue Art von Kriegsschiff in Form einer schwimmenden Kanonenplattform gebaut. Mit gutem Recht darf man das Schiff als eines der ersten Segel-Linienschiffe bezeichnen. Die Artillerie bestand aus 34 Kanonen verschiedener Kaliber, von den langrohrigen 5pfündern bis hin zu den 32pfündern auf einem einzigen Kanonendeck, also der ganzen Breite der zu jener Zeit üblichen Armierung. Die Revenge wird als schnelles, wendiges, etwa 500 Tonnen großes, 28 Meter langes und 9,75 Meter breites Schiff beschrieben, das »tief und behaglich« im Wasser lag. Neben seiner starken Bewaffnung war das Schiff für lange Seereisen ausgerüstet und ließ sich auch im Nahkampf leicht manövrieren. Bei der als Viermaster getakelten Revenge konnten nach der von Hawkins eingeführten Methode die Marsstengen gefiert werden, was »eine wunderbare Erleichterung bei den großen Schiffen bedeutete«. Die normale Besatzung bestand aus 250 Mann, darunter 150 Seeleute, 24 Kanoniere und 76 Soldaten. Selbst am hellen Tag mußten die Männer unter Deck im Halbdunkel leben. Nachts, wenn die meisten von ihnen in Decken und Mäntel gehüllt, auf den nackten Planken des Kanonendecks schliefen, leuchtete ihnen nur »das Licht des Zahlmeisters«, eine Kerze in einer Hornlaterne.
Unter den wenigen Kriegsschiffen, die in dieser Zeit vom Stapel liefen, befand sich die Prince Royal, 1610 das größte bis dahin gebaute Schiff. Einige Historiker sprachen von ihr als dem ersten Dreidecker in der englischen Marine, während andere das Schiff nur als Zweidecker einstuften. Jedenfalls besaß das Schiff zwei vollständige Batteriedecks und ein bestücktes Oberdeck. Besonders ins Auge fielen seine Verzierungen, die reiche Bemalung und Vergoldung. Abzeichen und Wappen und die großen geschnitzten Löwenköpfe an den runden Geschützöffnungen in der Bordwand. Die Kriegsschiffe Heinrichs VIII. und Elisabeths waren nur an ihren Aufbauten bunt bemalt, die Rümpfe dagegen wurden mit einer Mischung aus Öl, Terpentin und Harzen behandelt und blieben unbemalt. Mit der Prince Royal wurde ein vollkommen neuer Stil eingeführt. Sie wirkte so sehr wie ein Kunstwerk, daß man Phineas Pett , der die Pläne gezeichnet hatte, vorwarf, mehr ein Schaustück als ein Kriegsschiff entworfen zu haben. Dieser berühmte Schiffbaumeister vergrößerte 1637 die Flotte Karls I., der zwölf Jahre zuvor Jakob I. auf den Thron gefolgt war, um die Sovereign of the Seas. Das voll ausgerüstete Schiff verdrängte ungefähr 1500 Tonnen, war etwa 71 Meter lang (der Kiel etwa 38 Meter) und über 14 Meter breit. Der Tiefgang betrug dabei etwa 6,70 Meter. Die Sovereign war als Dreimaster getakelt, da der Bonaventuramast zu diesem Zeitpunkt fast vollständig aus der Mode gekommen war. Bis zur Restauration blieb die Sovereign das einzige englische Kriegsschiff mit 100 Kanonen. Der in seiner Größe und Konstruktion erste echte Dreidecker der Marine bedeutete einen solch gewaltigen Fortschritt gegenüber allen früheren Schiffen, daß man ihn auch mit dem Ausdruck »die britannische Argo, das achte Weltwunder« belegte. Der königliche Meisterholzschnitzer Gerard Christmas hatte die Verzierungen nach Zeichnungen von van Dyck angefertigt, und am Bug zertrat die glänzende Reiterfigur König Edgars des Friedlichen sieben unterworfene Könige. Alles in allem hatte das Schiff 40.833 Pfund Sterling gekostet. Dazu kamen noch 24.753 Pfund für die Ausrüstung mit Kanonen. Allein die für äußere und innere Zimmermannsarbeiten sowie für Maler- und Holzschnitzerarbeiten ausgegebenen 6691 Pfund hätten für ein vollständiges 40-Kanonen-Schiff ausgereicht
Konvoischiff
Das berühmte Konvoischiff Wappen von Hamburg.
Für unsere Vorstellungen von Kriegsschiffen dieser Zeit beziehen wir unsere Kenntnisse zum größten Teil aus Zeichnungen und Gemälden der van de Veldes, des Vaters und Sohnes, die ihre Heimat Holland verließen, um als Marinemaler in den Dienst Karls II. zu treten.
Unsere Kenntnis über die Bauart der späteren Schiffe aus der Stuartzeit beziehen wir weitgehend von den maßstäblichen Modellen, die, wie es in jener Zeit Praxis wurde, mit der Kiellegung der Schiffe entstanden. Grundsätzliche Änderungen in der Konstruktion gab es noch keine. Die auf den unter Elisabeths Herrschaft gebauten Schiffen ausladenden Heckgalerien, die hauptsächlich als Offizierstoiletten gedacht waren - die Mannschaften benutzten ein Grätingdeck am Vorsteven -, wurden weiter eingezogen und später vollkommen überdacht. Ein Beispiel dafür bietet die Sovereign. Auf der Royal Prince von 1610 hatte sich die Heckgalerie um das ganze Heck herum zum Hecklaufsteg weiterentwickelt, eine Bauweise, die anschließend etwa 80 Jahre lang in Vergessenheit geriet. Die bedeutendste Neuerung in der Besegelung bestand in der Einführung von Stagsegeln und Klüvern. Um 1690 gehörten Leesegel zur regulären Besegelung. Damit hatten die Kriegsschiffe zum Ende des 17. Jahrhunderts etwa schon die gleiche Takelung erhalten, wie sie bei ihren Nachfolgern noch in der Schlacht von Trafalgar üblich war.

 

 

Solange wir noch einige dieser alten Schiffe erhalten können, werden sie uns an die Zeit der Segelkriegsschiffe erinnern, jener Kriegsschiffe, die William Turner so meisterhaft mit seinem Pinsel festhielt und die noch John Ruskin, den Sozialkritiker und Ästheten, zu der geradezu schwärmerischen Aussage inspirierten:
»Alles in allem ist ein Linienschiff das Bewunderungswürdigste; was von Menschen in gemeinschaftlicher Tat je geschaffen wurde. Als einzelner ist der Mensch zwar durchaus in der Lage, auch besseres als ein solches Linienschiff hervorzubringen, er kann zum Beispiel Gedichte machen, Bilder malen und was auch sonst immer. Aber als Gemeinschaftsaufgabe von in der Masse aufgehenden Einzelwesen - mit all ihren nicht zu vermeidenden Streitigkeiten und Zugeständnissen - gehört der Bau eines Linienschiffes zu den größten Taten. In diese Aufgabe legt er ungeheuer viel Geduld, Verstand, Voraussicht, schöpferisches Denken, Selbstbeherrschung, Bereitschaft zur Unterordnung, handwerkliches Können. Trotz gegen die Naturgewalten, bedingungslosen Mut, unbedingte Vaterlandsliebe und ruhiges Gottvertrauen, wie sie überhaupt in einem nur hundert Meter langen und fünfundzwanzig Meter breiten Gebilde unterzubringen sind. Ich bin dankbar, daß ich in einer Zeit leben durfte, in der ich Zeuge sein konnte, wie solche Dinge Gestalt annahmen.«

 

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