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 | Abenteurer der Karibik |
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Abenteurer der Karibik Fortsetzung
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Abenteurer der Karibik / © by Webmaster
Der Aufstieg einer blutrünstigen Bruderschaft
Von der Abendsonne vergoldet, ragt die spanische Galeone riesenhaft vor einer leichten Pinasse auf, mit der sich Bukanier ihrer Beute nähern.
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Irgendwann in einem der Jahre nach 1630 segelte eine spanische Schatzgaleone an der Westküste Hispaniolas vorbei. Es muß Nachmittag gewesen sein, als die Besatzung eine Pinasse erspähte, die mit hoher Geschwindigkeit auf sie zukam. Atemlos informierten sie ihren Kapitän, der für das kleine einmastige Schiff nur einen Blick erübrigte und sich sofort verärgert abwandte. "Was soll das?" rief er aus. Einer Jahre danach veröffentlichten Erzählung zufolge soll er noch verächtlich hinzugefügt haben: "Soll ich mich etwa vor diesem jämmerlichen Ding fürchten?" Dann stieg er in seine Kajüte hinunter, wo er die Angelegenheit alsbald vergaß. Der Kapitän sollte noch eine Überrasch4ng erleben, denn was die Pinasse - die im Vergleich zu der mächtigen spanischen Galeone freilich zwergenhaft wirkte - im Schilde führte, war ein Akt von erstaunlicher Unverfrorenheit. Der Mann an der Spitze ihrer 28köpfigen Besatzung, ein französischer Desperado namens Pierre Le Grand, sollte an jenem Tag eine Tat vollbringen, deren Ruhm seine kurze Karriere noch lange überdauern würde. Um schneller voranzukommen, legte sich die Mannschaft der Segel führenden Pinasse kräftig in die Riemen, und bei Einbruch der Dämmerung hatten sie ihr Boot längsseit an das spanische Schiff herangerudert. Geschickt manövrieren Le Grands Männer ihr Fahrzeug unter den Bug der Galeone und hakten es dann an deren Bugkette fest. Als die Besatzung der Pinasse gerade mit dem Entern beginnen wollte, machte ihnen Le Grand einen abenteuerlichen Vorschlag. Sie sollten in die Wand seines eigenen Schiffes, so schlug er ihnen vor, ein Loch bohren, so daß es sinken würde. Dann gäbe es kein Zurück mehr: Sie hätten keine andere Wahl, als ihren tollkühnen Plan durchzuführen oder zu sterben. Die Männer stimmten laut brüllend zu, schworen sich noch gegenseitige Treue und schwärmten dann mit erhobenen Pistolen und gezückten Entermessern an Bord des spanischen Schatzschiffes. Einige der Männer von der Pinasse liefen geradewegs zum Gewehrraum der Galeone, wo sie die Handfeuerwaffen an sich brachten und ein paar Spanier, die ihnen im Weg standen, niedermachten. Andere stürmten zu der Kajüte des Kapitäns, wo dieser sich gerade zu einem Kartenspiel mit seinen Offizieren niedergelassen hatte. Die Entermannschaft hielt ihm eine Pistole an die Brust und befahl ihm, das Schiff aufzugeben - was er auch sofort tat. "Jesus und Maria!" rief einer der Spanier fassungslos. "Sind diese Leute Teufel, oder was sind sie?"
Es waren, so hätte man dem verblüfften Spanier zur Antwort geben müssen, Bukanier - eine neue und gewalttätige Generation von Wilderern, die in Neu-Spanien ihr Unwesen trieben, wobei der verwegene Pierre Le Grand und seine Halsabschneider nicht einmal außergewöhnliche Vertreter dieser Gattung waren. Aus der Schatzgaleone holte Le Grand sich "eine großartige Prise", dann verschwand er von der Bildfläche. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Aber Räuber trieben sich im 17. Jahrhundert in Neu-Spanien zu Tausenden herum. Wie John Hawkins verfolgten sie Handelsinteressen. Wie Francis Drake und andere Freibeuter setzten sie den Spaniern geschickt zu und erleichterten sie um ihre Reichtümer. Zum Unterschied zu früheren Räubern hatten die Bukanier jedoch eines gemeinsam: Im Gegensatz zu einem Hawkins, Drake und den anderen lebten diese Männer in Neu-Spanien. Sie bewohnten genau die Inseln, die die Spanier für sich beanspruchten. Sie lebten mit ihren Feinden Seite an Seite und beunruhigten die spanische Krone während eines Jahrhunderts.
Der Name Bukanier geht auf das indianische Wort bukan zurück, mit dem die Arawaken einen Grünholzgrill bezeichneten, auf dem sie über schwacher Flamme Fleisch räucherten. Die ersten Bukanier lernten diese Methode von den Arawaken der Großen Antillen; später wurde für sie ein bleibendes Markenzeichen daraus. Niemand weiß, wer die ersten Bukanier waren oder wann sie sich zum erstenmal auf den Inseln niederließen, auf denen sie sich später hauptsächlich aufhielten - Hispaniola, Kuba, Jamaika und Puerto Rico. Wahrscheinlich lebten einige gescheiterte Freibeuter - Franzosen, Niederländer, Engländer und Portugiesen - sowie einige abtrünnige Spanier bereits ab Mitte des 16. Jahrhunderts auf den nur schwach kolonisierten Inseln. Der große Zustrom verwegener Männer, die zu Bukaniern wurden und den Spaniern zusetzen, begann jedoch erst im 17. Jahrhundert. Interessanterweise wurde diese Bewegung indirekt durch eine Maßnahme des spanischen Königs selbst ausgelöst.
Diese Verfügung ist nur in ihrem historischen Zusammenhang und aus dem Geist spanischer Habgier verständlich.
Das in Europa noch wenige Jahrzehnte zuvor völlig unbekannte Tabakrauchen erfreute sich plötzlich in weiten Kreisen großer Beliebtheit. An dem wunderbaren Kraut aus der Neuen Welt teilzuhaben war "ein Zeichen von Geselligkeit", wie König Jakob I. von England zwei Jahre vorher festgestellt hatte. "Wer im Freundeskreise eine Pfeife Tabak verschmäht", schrieb seine Majestät, "gilt als verdrießlich und ungesellig, so wie man in den kalten östlichen Ländern in Gesellschaft mittrinken muß."
Was seinen Rivalen, König Philip, weitaus mehr interessierte, war die Tatsache, daß Tabak in England und auf dem Kontinent zu einem wichtigen Importartikel zu werden versprach. Nur erreichte der Tabak Europa nicht auf spanischen Schiffen, sondern er wurde von niederländischen, französischen und englischen Schmugglern, die ihn unerlaubt von spanischen Siedlern gekauft hatten, unversteuert über den Atlantik gebracht. Auf der Insel Trinidad vor der Nordostküste Venezuelas stießen die Schmuggler auf Siedler, die nicht von diesem Verbot betroffen waren und bereitwillig Tabak gegen Tuch, Werkzeuge und Weizen eintauschten - Waren, für die die Kolonialbehörden schwindelnde Preise festgesetzt hatten.
Der Schwarzhandel mit Tabak hatte aber nicht nur den Verlust an Zolleinnahmen für den spanischen Fiskus zur Folge. Wenn die ausländischen Händler mit den spanischen Siedlern in Berührung kamen, war es unausbleiblich, daß sich einige von ihnen da und dort selbst niederließen. Über diese kurzlebigen Siedlungen sind nur wenige Aufzeichnungen erhalten, von Repressalien der Spanier gegen sie ist verständlicherweise noch weniger bekannt. Einer der Männer, die den Versuch unternahmen, sich auf dem Festland niederzulassen, es auf die Dauer aber zu gefährlich fanden, war ein Engländer namens Thomas Warner. Nachdem er dem Festland den Rücken gekehrt hatte, war Warner entschlossen einen Ort zu finden, wo er ohne weitere Einmischungen von seiten der Spanier Tabak anpflanzen konnte.
Als er 1622 auf der Karibik umhersegelte, stieß er auf St. Christophers, eine kleine Insel im nördlichen Bereich der Kleinen Antillen. Die Insel war gut bewässert und mit so fruchtbarem Boden gesegnet, daß er "bei eingehender Betrachtung der Insel dachte, hier könntest du gut Tabak anbauen", wie dem Bericht eines Chronisten aus dem 17. Jahrhundert zu entnehmen ist. Warner kehrte nach London zurück, wo er die Unterstützung einer Gruppe von Kaufleuten gewann, und im Jahre 1624 war er mit 15 oder 20 Engländern, die ebenfalls Tabak anbauen wollten, wieder auf St. Christophers zurück. Die geringe Zahl seiner Begleiter steht in keinem Verhältnis zu der großen Bedeutung seines Unterfangens. Warners winzige Gruppe sollte in Neu-Spanien nicht nur die erste bleibende Siedlung von Nichtspaniern bilden, sondern auch gleichzeitig einen Ansturm von Europäern auf den Kleinen Antillen einleiten - auf denen sich die Spanier selbst nicht niedergelassen hatten.
Während der nächsten Jahre folgten in kurzen Abständen weitere Siedler, die sich auf Barbados, Nevis, und Monserrat ausbreiteten, bis 1630 die Inselkette der Kleinen Antillen von Puerto Rico bis zur venezolanischen Küste - mit einer Gesamtlänge von ungefähr 1500 Kilometern - besiedelt war. Unter den Händen dieser Einwanderer gedieh die Landwirtschaft; neben Tabak wurden jetzt auch Indigo, Ingwer, Baumwolle und später Zucker und Kakao gepflanzt. Außerdem florierten ihre Kolonien auch als Einfuhrhäfen für Schmuggler.
Unter diesen mit Wohlstand gesegneten Pflanzern und Schmugglern gab es jedoch auch viele, die nicht an den Gewinnen teilhatten und finster entschlossen waren, ihr Schicksal zu ändern. Die Unternehmer - Engländer, Niederländer oder Franzosen, die aus der fruchtbaren Erde ein Vermögen herauswirtschaften wollten, kamen mit einem Gefolge von verdungenen Arbeitskräften für die schweren Arbeiten des Säens und Erntens, die auf den Plantagen der spanischen Kolonien für gewöhnlich von Sklaven verrichtet wurden. Diese Arbeiter waren ein sehr zusammengewürfeltes Volk mit unterschiedlicher Mentalität; sie gehörten allen möglichen Nationalitäten an und entstammten den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Manche waren durchaus ehrbare Leute - jüngere Söhne aus kinderreichen Familien, die sich aus eigener Kraft emporarbeiten wollten. Viel zahlreicher war jedoch die Schar umherstreifender Taugenichtse, die nur eine Abwechslung suchten. Und gar nicht selten waren ganz gewöhnliche Kriminelle - düstere Gesellen, die in der Regel nur zwischen Gefängnis und Arbeit in den Kolonien zu wählen hatten.
In jedem Fall verpflichteten sich die verdungenen Arbeiter auf eine bestimmte Zeit (vier, sieben und manchmal sogar zehn Jahre) gegen das Versprechen, nach Ablauf dieser Frist die Freiheit und einen pauschalen Geldbetrag als Entlohnung zu erhalten. Von diesen verdungenen Arbeitern erlangten einige tatsächlich die Freiheit und machten sich als kleine Pflanzer selbständig. Andere wurden, wenn ihre Zeit um war, von skrupellosen Herren um den versprochenen Lohn betrogen, so daß ihnen ohne Arbeit und ohne Geld nicht viel anders übrigblieb, als Gelegenheitsarbeiter oder Gauner umherzustreifen. Viele flüchteten - oft, ohne es überhaupt mit der Arbeit zu versuchen. Sir Henry Colt, ein Pflanzer, der im Jahre 1631 nach Barbados kam, schrieb seinem Sohn George, daß sich 40 verdungene Arbeiter 13 Tage nach seiner Ankunft "in einer holländischen Pinasse klammheimlich davonmachten". Sir Henry hätte noch hinzufügen können, daß es sich um eine Bootsladung mutmaßlicher Bukanier-Rekruten handelte.
Etwa um dieselbe Zeit setzten, unabhängig voneinander, Entwicklungen ein, die in der Karibik noch Tausenden anderen Männern den Boden unter den Füßen entzogen, und sie fast zwangsläufig zu Bukaniern werden ließen.
Bei seinem Überfall auf St. Kitts im Jahre 1629 läßt der spanische Admiral Don Fadrique de Toledo (Vordergrund) für den Angriff auf britische und französische Siedler mit Booten Soldaten heranschaffen, während seine Kriegsschiffe ein Fort bombardieren. Toledo verwüstet aus St. Kitts die Tabakplantagen und ließ 700 Siedler von der Insel in ihre europäische Heimat zurückverschiffen.
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Zunächst einmal unternahmen die Spanier verspätet den Versuch, die ausländischen Siedlungen am Rand ihres Reiches auszulöschen. Im Jahre 1629 segelte die jährliche Flotte, beladen mit Weizen, Waffen, Bekleidung, Werkzeugen und Münzen, unter der Führung von Don Fadrique de Toledo von Spanien in Richtung Cartagena und Veracruz ab. Die Kauffahrer waren von 35 schwerbewaffneten Galeonen und 7500 Soldaten begleitet, die den Befehl hatten, auf ihrem Weg die Siedlung von St. Kitts dem Erdboden gleichzumachen. Im Spätsommer war Toledo vor der Insel angelangt; er ging mit seinen Männern an Land und versetzte der Kolonie einen vernichteten Schlag. Die Siedler schlugen sich zwar wacker, wurden aber innerhalb kurzer Zeit überwältigt.
Toledo nahm 700 Mann gefangen (Thomas Warner, der in London gerade die Jahresernte verkaufte war nicht darunter), pferchte sie im Hafen alle an Bord gekaperter Schiffe und ließ sie nach Frankreich und England zurückbringen. Dann vernichtete er auf St. Kitts die Felder und brannte die Häuser nieder. Rund 400 Siedlern - Engländern und Franzosen - war es aber gelungen, sich in das hügelige Landesinnere zu flüchten. Nach Toledos Abreise machten viele von den verzweifelten Überlebenden auf ihrer verwüsteten Insel eine Bestandsaufnahme und kamen zu dem Schluß, daß ihnen diese Erfahrung genügte. Sie beschlossen, die Insel zu verlassen und - voll von Rachegedanken - woanders neu zu beginnen.
Wie viele Nichtspanier in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die großen Inseln der Karibik bewohnten, ist historisch nicht überliefert. Die Zahl muß aber in die Tausende gegangen sein. Sie nahmen den Lebensstil von Bukaniern an, jagten nach Nahrung und trieben mit der Verproviantierung von französischen, englischen und niederländischen Freibeuterschiffen, die sich auf den Inseln mit Frischwasser versorgten, ein blühendes Geschäft. Bemerkenswert war die Unbekümmertheit, mit der sie ihr Geld wieder ausgaben. Ihr größtes Laster war die Trunkenheit, "der sie vorwiegend mit Branntwein frönen. Diesen trinken sie so hemmungslos wie Spanier Brunnenwasser.
Wie an Bord waren Frauen auch unter Bukaniern eine Rarität. Es war eine reine Männergesellschaft, in der jeder Bukanier seinen Partner hatte. Partner reisten gemeinsam, sie verteidigten einander im Kampf, und die Bande ihrer Gemeinschaft waren oft ebenso stark wie die einer Ehe. Starb ein Bukanier, dann erbte sein Partner die Habseligkeiten seines Freundes. Für Männer von sonst völlig ungezwungener Lebensweise hatten sie überraschend strenge Regeln. Der Anführer schrieb eine Vereinbarung auf eine Pergamentrolle, und alle Anwesenden mußten sie unterschreiben bzw. abzeichnen. Für bestimmte Leistungen wurden im voraus bestimmte Geldbeträge festgelegt - u.a. der Lohn für den Zimmermann der Gruppe, der die lebenswichtige Aufgabe hatte, für die Seetüchtigkeit und die ordnungsgemäße Takelung des Schiffes zu sorgen. Wenn es keinen anderen gab, konnte der Zimmermann auch die Rolle des Schiffsarztes übernehmen. In einer Tabelle wurde festgehalten, welche Entschädigung es für bestimmte Verwundungen gab. Hatte ein Bukanier im Kampf seinen rechten Arm eingebüßt, dann standen ihm im allgemeinen 600 Pesos (eine alte spanische Silbermünze im Wert von 8 Realen); für ein verlorenes Auge betrug die Entschädigung 100 Pesos - das gleiche galt für einen Finger.
Am Ende einer erfolgreichen Kreuzfahrt wurden aus der gemeinsamen Prise zuerst alle Schulden beglichen, ehe man sich an die Aufteilung der Beute machte. Der Rest wurde vor dem Mast verteilt. Der Kapitän hatte Anspruch auf fünf Anteile, der Maat auf zwei. Die übrigen Besatzungsangehörigen erhielten je einen Anteil - mit Ausnahme des Schiffsjungen, dem nur ein halber Anteil zustand, obwohl ihm die allerunangenehmste Arbeit zufiel: Wenn ein Schiff aufgegeben wurde, war es seine Aufgabe, es anzuzünden, und er durfte es erst als letzter verlassen. Er mußte sich beeilen, wenn er die Kameraden einholen wollte, die an Bord eines anderen Schiffes kletterten, denn im 17. Jahrhundert gab es nur wenige Schiffsjungen, die schwimmen konnten.
Wenn sie die vertragliche Abmachung unterschrieben oder ihr Zeichen daruntersetzten, schwor jeder Bukanier, vor seinen Kameraden "nicht das geringste Beutegut zu verbergen". Wurde jemand des Diebstahls schuldig befunden, dann bestrafte man ihn für gewöhnlich durch Aussetzung - ein Schicksal, vor dem es selbst diese inselkundigen Männer schauderte. Der Verurteilte wurde, nur mit seinen Waffen und einer Flasche Wasser ausgerüstet, auf einer abgelegenen kleinen Insel an Land gesetzt, wo ihn fast immer ein einsamer und langsamer Tod erwartete.
Wenn die Bukanier Schiffe der Spanier überfielen, gingen sie nach einer ganz bestimmten Taktik vor, die auch Pierre Le Grand angewandt hatte, als er die spanische Schatzgaleone vor Hispaniola um ihre Ladung erleichterte. Etwa 50 Prozent der Fahrzeuge, mit denen sie ihre verwegenen Angriffe auf die 200- oder 300-Tonnen-Galeonen der Spanier unternahmen, waren höchstens Pinassen von nicht mehr als 50 Tonnen. Weil die Bukanier kleine Schiffe verwendeten und grundsätzlich die Segel strichen, wenn sie sich ihrem Ziel näherten, waren sie meist nur aus kürzester Entfernung zu sehen. Und wenn sie schließlich entdeckt wurden, machten sie einen trügerischen harmlosen Eindruck.
Wenn die Bukanier mit ihrer winzigen Pinasse nahe genug an ihre Beute herangefahren waren, feuerte einer ihrer großartigen Schützen von seinem Sitz im Bug aus mit einer Muskete zuerst auf den spanischen Steuermann und dann auf die Matrosen, die die Segel bedienten; die anderen schossen auf die Ladeluken, falls dort Neugierige herausguckten. Wenn ein Überfallkommando aus mehreren Booten bestand, keilte sich eines gegen das Steuerruder des spanischen Schiffes. Nachdem sie auf diese Weise Schiff und Rudergänger außer Funktion gesetzt, und die übrige Mannschaft verwirrt hatten, schwärmten die Bukanier mit wildem Geschrei und gezückten Entermessern an Bord und bahnten sich dort ihren Weg zum Kapitän und zum Schatz.
Gewöhnlichen Besatzungsangehörigen wurde einfach der Kopf abgeschlagen, oder sie wurden in einem kleinen Boot ausgesetzt. Den Kapitän und zahlungsfähige Offiziere hielt man so lange gefangen, bis sie ein Lösegeld gezahlt hatten. Die Lösegelder mitgerechnet, konnte bei einem erfolgreichen Überfall selbst auf einen Bukanier im untersten Matrosenrang eine Beute von 700 bis 1000 Pfund entfallen.
Als die Bukanier schließlich immer zahlreicher und dreister wurden, nannten sie sich "Brüder der Küste", ein Ausdruck, der offenbar ab 1640 gebräuchlich wurde. Auf wen diese Bezeichnung zurückgeht, ist nicht bekannt, auf jeden Fall spiegelt sich in ihr die Einigkeit der Bukanier gegen ihren gemeinsamen Feind - die Spanier - wider, die sie Unterschiede der nationalen Herkunft vergessen ließen. Der Ausdruck bestätigte gewissermaßen auch eine veränderte Lebensweise - die einzeln umherschweifenden Banden verschmolzen zu immer größeren Gruppen. Sie erreichten mehr oder minder ständige Lager - vor allem an der Nordküste Hispaniolas und an der Südküste von Jamaika.
Zwar jagten die Bukanier immer noch und betrieben nach wie vor einen lukrativen Häutehandel, aber in zunehmendem Maße konzentrierten sich diese Horden jetzt auf Überfälle auf die Spanier, die sie plünderten, wo immer sie waren - ob an Land oder zur See.
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