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Die Entdecker
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Eine Erweiterung des Weltbildes
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Im Europa des 14. Jahrhunderts, knapp vor Anbruch des großen Zeitalters der Entdeckungen, glaubte die Mehrheit der Menschen, jenseits der Grenzen der bekannten Welt gäbe es nichts als Chaos und einen unermeßlichen Abgrund. Sie stellten sich vor, der Himmel würde nicht die ganze - als Scheibe gedachte - Erde umhüllen, sondern nur ihre Oberseite bedecken, während die Unterseite irgendwie an irgend etwas verankert wäre. Sie dachten, die Sterne bewegten sich, während Himmel und Erde still stünden. Und wenn die unteren Regionen der Erde von Menschen bewohnt waren, dann mußten diese, so glaubte man, mit den Füßen nach oben und dem Kopf nach unten gehen.
Einige Gelehrte des Mittelalters - diejenigen, die Zugang zum verborgenen Wissen der Antike hatten - durchschauten zwar diese Phantastereien, aber widerlegen konnten sie sie nicht. Die Seeleute wagten sich nur wenig über ihre Küsten hinaus. Unweit von der Straße von Gibraltar, so behaupteten sie, läge ein riesiges, beim Untergang der Insel Atlantis entstandenes Schlamm-Meer, das kein Schiff mehr losließe.
Am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde dann mit den wilden Phantastereien und den Ungereimtheiten aufgeräumt. Von Machthunger und der Begierde nach Ruhm und Reichtum getrieben, brach eine Handvoll mutiger und entschlossener Entdecker - Bartolomeu Dias, Vasco da Gama, Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan und einige mehr - auf, um das Unbekannte zu erobern.
Die Schiffe, mit denen sie segelten, waren schwerfällig. Ihre Navigationsinstrumente waren primitiv, und ihre Karten - sowohl die künstlerischen als auch die in der Praxis verwendeten Seekarten - sind ein Spiegelbild der Unwissenheit des christlichen Abendlandes nach einem Jahrtausend mittelalterlichen Weltbildes.
Selbst die besten von diesen ersten Karten waren kunstfertige Mischungen von kärglicher Information und weitgehender Spekulation. Die fernen Länder, die in Asien eingezeichnet waren, basierten auf den Erzählungen mittelalterlicher Missionare und Händler, die in einer Zeit in den Osten gezogen waren, als der große Khan von Kathai noch Besucher aus fremden Ländern duldete. |
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Diese reisenden Kaufleute und Mönche hatten den langen Weg nach Malakka, Malabar und China gemacht. Die mitgebrachten Geschichten - ob es sich um die sorgfältigen Berichte Marco Polos oder um die betrügerischen Phantastereien von Träumern handelte - fanden alle in der Kunst der Kartographen ihren Niederschlag.
Im Laufe der Jahrhunderte, in denen Händler die Mittelmeerküste entlanggefahren waren, hatten Lotsen Fahrwege und Entfernungen zwischen den einzelnen Häfen aufgezeichnet, Windrichtungen und die Beschaffenheit des Landes festgehalten. Die schriftlichen Segelanweisungen und die Karten über diesen kleinen Teil der Erde waren relativ zuverlässige Führer. Der Verlauf der Küstenlinien war mit recht großer Genauigkeit eingetragen; Kompaßrosen zeigten die Himmelsrichtungen, und gleichgerichtete Loxodrome bildeten ein Netzwerk, an das der Seemann sich halten konnte. Als aber die großen Seefahrer ihre Routen so anlegten, daß sie im Süden und Westen über das Kap St. Vincent in Portugal hinausführten, hatten sie keine derartigen Hilfsmittel. Die rudimentären Karten, die sie bei sich hatten, zeigten ihre Ziele nur in ganz vagen Umrissen.
Die komplizierten Berechnungen eines Ptolemäus, ein Geograph aus dem zweiten Jahrhundert .n Chr., hatte die Problematik der Projektion einer Kugeloberfläche auf eine Ebene erkannt, und Eratosthenes hatte bereits vor mehr als tausend Jahren mit bemerkenswerter Genauigkeit den Erdumfang errechnet. Aber diese geistigen Errungenschaften wurden von den Kartographen des 15. Jahrhunderts weder in vollem Umfang berücksichtigt noch überhaupt verstanden.
So wurden die damaligen Entdecker tatsächlich zu Wissenschaftlern. Mit ihren kühnen Experimenten stellten sie vor Ort die Theorie auf die Probe. Auf der Suche nach neuen Ländern und neuen Seewegen setzten sie ihr Leben aufs Spiel, und ihre Erfolge brachten ihnen unvergänglichen Ruhm. Von all den Schätzen, die sie in jenen wenigen Jahrzehnten erstaunlicher Abenteuer mit nach Hause brachten, war nichts bedeutender als das schwer erkämpfte Wissen, die Beobachtungen und Erfahrungen, die den Menschen endlich über die wahre Form und Größe seiner Erde aufklärten.
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Die abenteuerlichen Reisen Marco Polos
Ein Porträt Marco Polos von 1477
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"Man muß nämlich wissen, daß seit der Erschaffung Adams kein Mensch - ob Heide, Sarazene, Christ oder sonstwer - je so viele und so großartige Dinge gesehen und erforscht hat wie Marco Polo", erklärte 1299 der italienische Autor Rustichello von Pisa im Vorwort zu seinem Bericht über die Reisen Marco Polos. Unter dem Titel Die Beschreibung der Welt wird in dem Buch über eine Reihe von bemerkenswerten Reisen berichtet, auf denen Marco Polo in 24 Jahren eine Entfernung von 32 000 Kilometern zurücklegte. Mit seinen Erzählungen öffnete er dem mittelalterlichen Europa die schlaftrunkenen Augen für die sagenumwobenen Länder des fernen Asiens.
Als Sproß einer berühmten venezianischen Kaufmannsfamilie war Marco Polo kaum 15 Jahre alt, als er 1271 mit Niccolò und Maffeo Polo, seinem Vater und seinem Onkel, zu einer Reise in die Länder des großen Kaisers Kublai Khan von China aufbrach.
Von Venedig segelten die drei Polos in die heutige Türkei, wo sie die Überlandroute zu den asiatischen Wüsten einschlugen. Im ersten Teil der Reise gab es viele Dinge, die Marco in Erstaunen versetzten: der Berg Ararat, auf dem Noahs Arche aufgelaufen sein soll, das Grab der Heiligen Drei Könige in Persien und vor allem ein merkwürdiges schwarzes Öl, das in der Nähe des Kaspischen Meers aus dem Boden sickerte und, wie er später berichtete, "nicht genießbar ist, aber gut brennt".
Die Polos zogen über das Pamir-Gebirge, in Höhen, in denen "keine Vögel zu sehen sind", bemerkte Marco, "und entfachtes Feuer nicht die gleiche Wärme gibt". Als die drei Reisenden immer weiter nach Osten zogen, kamen sie in die Wüste Gobi, wo heulende Nachtwinde auf ausgedörrten Sandflächen wie Sirenenstimmen klangen. "Selbst bei hellichtem Tag hört man diese Geisterstimmen", heißt es in Polos Bericht, "und oft vermeint man die Klänge vieler Instrumente zu vernehmen sowie Waffengeklirr."
Erst 1275, vier Jahre nach ihrem Aufbruch von Venedig, seit dem sie etwa 11 000 Kilometer zurückgelegt hatten, erreichte das reisemüde Trio den von Mauern umgebenen Palast Kublai Khans in Kambaluk, wo das heutige Peking steht. Vom Khan wurden die Reisenden herzlich empfangen. Bei Banketten versammelte dieser nach Polos Worten 40 000 Gäste, die von unzähligen Dienern bewirtet wurden, wobei er überwältigenden Glanz und Reichtum zur Schau stellte.
Bald nach ihrer Ankunft wohntet die Polos den vom Khan begangenen tartarischen Neujahrsfeierlichkeiten am 1. Februar bei. An diesem Tag nahmen der Khan und seine Untertanen - alle in glückbringendes Weiß gekleidet - an einem Festzug mit einer achtungsgebietenden Parade von 5 000 Elefanten teil, von denen jeder mit einer riesigen Kiste voll Schätzen des Khans beladen war. "Ich kann auch bezeugen", erinnerte sich Polo, "daß der Großkhan an diesem Tag mehr als 100 000 weiße Pferde von großer Schönheit geschenkt bekommt."
Kublai Khan hatte keine Skrupel, fähige Ausländer in seine Dienste aufzunehmen, und die Polos gewannen bald sein Vertrauen. Den jungen Marco ernannte er zu einer Art Oberinspekteur, der in seinem Auftrag das riesige Khanat bereisen sollte. Er reiste quer durch China nach Süden, kam bis Birma und wagte sich schließlich nach Osten bis ans Meer, wobei Polo nach eigener Darstellung auf Krokodile stieß, deren Rachen so groß war, daß sie "einen Mann auf einmal verschlingen konnten". Von den menschlichen Bewohnern waren manche nicht weniger beängstigend: Ein Stamm war über und über mit Tätowierungen bedeckt, ein anderer "frönte dem Genuß von Menschenfleisch".
An der chinesischen Ostküste stieß Polo auf einen merkwürdigen Seemannsbrauch. Ehe sie die Segel setzte, ließ die Besatzung oft "irgendeinen Narren oder einen Betrunkenen" mit einem riesigen Drachen aufsteigen, um das Schicksal des Schiffes zu bestimmen. Wenn der Drachen steil in die Höhe stieg, war dem Schiff eine glückliche Fahrt beschieden. Stieg der Drachen nicht auf oder stürzte er ab, dann war dem Schiff ein Mißgeschick bestimmt, und man ließ es nicht auslaufen.
Polo war so fähig und mit einer solchen Beobachtungsgabe ausgestattet, daß der Khan ihn nach Indien schickte, wo er sich über die dortige Religion informieren sollte. Er hatte außerdem den Auftrag, eine Almosenschale zu kaufen, von der man glaubte, daß sie aus dem Besitz Buddhas stammte. Auf einer zweiten Mission sollte er den größten Rubin der Welt kaufen.
Polo segelte mit einer Flotte von viermastigen Dschunken, die zu den wenigen wirklich seetüchtigen Schiffen der damaligen Zeit zählten, nach Indien. Auf dieser Fahrt besuchte er Sumatra, wo er eine Entdeckung von ungeheurer kommerzieller Bedeutung machte - er sah "alle kostbaren Gewürze der Welt".
Polo fand den vom Khan begehrten großen Rubin auf der Insel Ceylon. Der Stein hatte, wie er voll Ehrfurcht berichtete, "etwa die Länge einer Handfläche und die Dicke eines Männerarms, und er war glutrot wie Feuer". Der Herrscher von Ceylon wollte sich aber von seinem Kleinod nicht trennen.
Seit der Ankunft der Polos in China waren damals bereits 17 Jahre vergangen. Sie baten den Khan, ihnen die Heimreise zu gestatten. Nach einigem Zögern ließ der betagte Khan seine bewährten venezianischen Ratgeber ziehen. Die Heimreise dauerte drei Jahre. Als sie 1295 in Venedig eintrafen, mußten die Reisenden - so will es die Legende - feststellen, daß sie von ihren verblüfften Verwandten erst erkannt wurden, als aus den aufgetrennten Säumen ihrer tartarischen Gewänder ein Vermögen aus Edelsteinen herausrollte.
So sehr die Polos in ihrer Heimatstadt auch gefeiert wurden, so ist es doch nur einem Winkelzug der Geschichte zu verdanken, daß ein geordneter Bericht zum Nutzen der übrigen Welt aufgeschrieben wurde. 1298 geriet Marco Polo während eines Kampfes gegen Genua in Gefangenschaft und mußte ein Jahr im Gefängnis zubringen. Dort lernte er Rustichello kennen. Ihm erzählte er seine Geschichte - und Rustichello schrieb alles auf.
So entstand ein Buch, das die Phantasie - und Begierde - ganzer Nationen beflügelte und viel zu den großen Entdeckungen beitrug. Und schließlich konnten die Männer wie da Gamma und Magellan die Wahrheit eines Ausspruchs bezeugen, den Marco Polo kurz vor seinem Tod im Jahre 1324 machte: "Was ich geschrieben habe, ist nicht die Hälfte von dem, was ich gesehen habe."
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Der Priesterkönig Johannes
Diese Illumination einer Afrikakarte von 1558 zeigt den Pristerkönig Johannes mit einem Kreuz in der Hand.
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Als die ersten portugiesischen Entdecker nach Afrika und in den Orient aufbrachen, war es eines ihrer Ziele, das legendäre Königreich des Priesters Johannes zu finden. Seit vier Jahrhunderten ging die Sage, daß dieses reiche und mächtige christliche Königreich irgendwo im Süden oder im Osten liege. Eine Verbindung mit dem Herrscher dieses Landes würde nicht nur Handelsbeziehungen ungeheuren Ausmaßes sicherstellen, sondern man könnte auch noch die verhaßten Moslems zwischen zwei christlichen Machtbereichen in die Zange nehmen - so zumindest stellte man es sich vor.
Die Ursprünge der Legende über den Priester Johannes liegen im dunkeln. Das Gerücht erhielt jedoch einen großen Auftrieb, als Kaiser Manuel Komnenos, der christliche Herrscher des Byzantinischen Reichs, im Jahre 1165 einen geheimnisvollen Brief empfing. "Ich, Priester Johannes", hieß es in dem Brief, "regiere als alleiniger Herrscher und übertreffe an Reichtümern, Tugend und Macht alle Lebewesen, die unter dem Himmel wohnen. Zweiundsiebzig Könige zahlen mir Tribut. Ich bin ein frommer Christ." Dann hieß es weiter: "Honig fließt in unserem Land, und Milch gibt es überall in Hülle und Fülle." Es gäbe sogar einen Fluß, in dem, wie in dem Brief behauptet wurde, "Smaragde, Saphire, Karfunkel, Topase, Chrysolithe, Onyxe, Berylle und viele andere Edelsteine" vorkämen.
Komnenos hat auf diesen Brief offenbar nicht reagiert. Als jedoch in der ganzen christlichen Welt Abschriften zu zirkulieren begannen, wurde das Königreich des Priesters Johannes zum Gegenstand großer und anhaltender Faszination. Zuerst glaubte man, es läge in Indien, dann siedelte man es in Zentralasien an, bis Anfang des 13. Jahrhunderts Reisen wie die Marco Polos diese Annahme als Irrtum erwiesen. Dann konzentrierte man sich auf Afrika - nachdem der Missionar Jordanus von Sévérac mit der Nachricht heimgekehrt war, das Königreich des Priesters Johannes läge in Äthiopien.
1493 gelang es einem portugiesischen Agenten namens Pero da Covilhã, der den Orient auf dem Landweg bereiste, an den Hof des Königs von Äthiopien zu gelangen. Er durfte diesen jedoch nicht mehr verlassen, und es ist unklar, ob nun ein Bericht mit seinen Erkenntnissen bis nach Europa durchsickerte oder nicht. Auf jeden Fall kehrte im Jahre 1527 Francisco Alvares, ebenfalls ein Portugiese, nach einer Äthiopien-Reise in seine Heimat zurück. Er wußte zu berichten, daß der König christgläubig und in Grenzen wohlhabend sei: "Auf seinem Haupt trug er eine hohe Krone aus Gold und Silber." Aber leider war er nur ein Jüngling von 23 Jahren, der sich Lebna Dengel - und nicht Priester Johannes - nannte und über ein primitives Nomadenvolk herrschte, und sein zerklüftetes Reich war kaum ein Land, in dem Milch und Honig flossen.
Die Enttäuschung für Europa war nicht gerade niederschmetternd. Zu dieser Zeit hatte Kolumbus nämlich bereits eine neue Welt entdeckt, da Gamma hatte Indien auf dem Seeweg erreicht, und Magellans Mannschaft hatte einen Erdball umsegelt, dessen Wunder weitaus atemberaubender waren als die Legende über Johannes, den Priesterkönig. Und was war mit dem Brief, der so lange die Phantasie der Europäer beflügelt hatte? Seine Herkunft bleibt im dunkeln. Ob es sich nun aber um einen Spaß oder eine unschuldige Phantasterei handelte, seine spektakuläre Auswirkung konnte der Autor des Briefes auf keinen Fall ahnen.
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