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Die Armada

Die Armada Fortsetzung
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Armada / © by Webmaster

 

Kapitel 3

"La Felicissima" setzt die Segel

Nach Ansicht von Astrologen und anderen Wahrsagern jener Zeit stand das Jahr 1588 unter einem unheilvollen Stern. Alle möglichen Vorzeichen - in Schweden hatte es angeblich Blut geregnet, und in Frankreich waren eine ganze Reihe mißgestalteter Kinder geboren worden - wiesen auf eine welterschütternde Katastrophe hin. Ein Großteil der Prophezeiungen war schon vor über einem Jahrhundert von dem deutschen Astronomen Regiomontanus ausgesprochen worden, dem Verfasser der von Kolumbus benutzten Ephemeriden und eines Horoskops für das laufende Jahr. Nach Regiomontanus würde es im Februar eine Sonnenfinsternis geben, gefolgt von zwei totalen Mondfinsternissen. Saturn, Jupiter und Mars, die Vorboten von Krieg und Chaos, würden eine unheilvolle Konstellation im Hause des Mondes bilden. "So Land und Meer nicht völliger Verwüstung anheimfallen", schloß Regiomontanus, "so wird doch die ganze Welt Umwälzungen erfahren, Reiche werden untergehen, und an allen Orten wird großes Wehklagen sein." Anhänger der Zahlensymbolik durchforschten die Bibel und fanden Anlaß zur Sorge in der Offenbarung des Johannes und im Buch Jesaja. Seit der Geburt Christi schienen sich die Ereignisse in komplexen, aber vorhersagbaren Zyklen zu bewegen, und der letzte Zyklus würde sich mit apokalyptischer Endgütigkeit im Jahre 1588 vollenden. Mit Sicherheit war der Fall eines großen Königreiches nahe.
Welches Königreich gemeint war - darüber wurde überall in Europa lebhaft spekuliert. Spanien, das einzige Reich mit weltweiten Besitzungen, galt als möglicher Kandidat für einen Zusammenbruch, und in allen spanischen Häfen, in denen die Armada zusammengestellt wurde, begannen ängstliche Seeleute ihre Schiffe zu verlassen. Um der wachsenden Besorgnis entgegenzuwirken, ordnete König Philipp Predigten an, die alle Arten von Wahrsagerei verdammten.
Für England erschienen die Omen besonders beunruhigend; die zweite Mondfinsternis, im August, sollte mit dem Eintritt ins Sternzeichen der Jungfrau, unter dem Königin Elisabeth geboren war, zusammenfallen. Wie Philipp versuchte auch die englische Regierung, die Befürchtungen zu zerstreuen, indem sie eine Schrift veröffentlichte, um die Wahrsager zu widerlegen. Katholiken in Frankreich, vermutlich zu sehr von gallischem élan erfüllt, um ihren eigenen Untergang zu befürchten, prophezeiten der englischen Jezabel die Strafe des Allmächtigen.
Von all dem Unheil, das die Sterne voraussagten, erwies sich eine Prophezeiung jedoch als schreckliche Wahrheit: Das Jahr 1588 brachte das schlechteste Wetter seit Menschengedenken. Die im Dezember und Januar üblichen Stürme über dem Atlantik tobten auch im Februar und selbst danach noch, also weit über ihre normale Zeit hinaus. Wolkenbruchartige Regenfälle gingen über Nordeuropa nieder, überschwemmten die Felder und verwandelten die Landstraßen in knietiefen Morast. In der Normandie verwüstete ein Hagelschauer die Obstbaumanpflanzungen und schlug, wie es hieß, das Vieh auf der Weide tot. In Spanien und Portugal regnete es ununterbrochen. Es regnete am 9. Februar, als der Marquis von Santa Cruz in Lissabon im Sterben lag. Es regnete noch immer, als drei Wochen darauf der Nachfolger des Admirals eintraf, um das Kommando zu übernehmen. Die Armada schien dazu verurteilt, für immer im Hafen zu bleiben.
Der Herzog von Medina Sidonia
Der Herzog von Medina Sidonia
Der neue Oberbefehlshaber der Armada war Don Alonso Pérez de Guzmán el Bueno, der siebte Herzog von Medina Sidonia. Er war Landedelmann, 38 Jahre alt, klein von Gestalt, breitschultrig und hatte braunes Haar, einen Bart und einen melancholischen Gesichtsausdruck. Er stammte aus einer der ältesten spanischen Familien, und sein Vermögen war beträchtlich: Er besaß Orangenhaine in Andalusien und bezog Einkünfte aus dem örtlichen Thunfischfang. In seiner Funktion als Oberherr einer Provinz wurden ihm Fleiß und Taktgefühl bescheinigt. Seine Fähigkeiten als militärischer Anführer waren dagegen noch weitgehend unerprobt; als Francis Drake im Jahr zuvor den Hafen von Cádiz überfallen hatte, war der Herzog mit Truppen herbeigeeilt, um die Stadt zu verteidigen - aber die Stadt war nicht angegriffen worden. Und nichts deutete darauf hin, daß er ein geeigneter Führer der Kriegsflotte sein würde, denn er hatte noch nie ein Schiffsgeschwader kommandiert und noch nie an einem Seegefecht teilgenommen.
Das letzte, das sich Medina Sidonia wünschte, war, die Armada nach England zu führen. Noch während Santa Cruz in Fieberkrämpfen auf seinem Sterbebett lag, schrieb Philipp einen Brief an Medina Sidonia, in dem er ihm die bevorstehende Kommandoübertragung andeutete; die Antwort des Herzogs kam schnell und wehklagend. "Ich wollte, ich besäße die Fähigkeiten und die Kraft, die für eine so große Aufgabe erforderlich sind", schrieb er. "Hingegen, Sire, bin ich von allzu schwacher Gesundheit, denn aus meiner geringen Erfahrung mit dem Meer weiß ich, daß ich schnell seekrank werde und mich stets erkälte. Ich stecke tief in Schulden. Meine Familie ist 900 000 Dukaten schuldig, und ich habe nicht einen einzigen Real, den ich für das Unternehmen ausgeben könnte."
Medina Sidonias Brief blieb ohne Wirkung, denn Philipp hatte sich bereits entschieden. "Wenn Ihr scheitert, so scheitert Ihr", schrieb der König zurück, "aber da unsere Sache die Sache Gottes ist, werdet Ihr nicht scheitern. Fasset Euch ein Herz und segelt so bald wie möglich." Zweifellos maß der König der Tatsache, daß Medina Sidonia Träger eines großen Namens war, besondere Bedeutung bei. In einer Zeit, in der die Herkunft eine große Rolle spielte, würde der Herzog ganz selbstverständlich von den stolzen und zu Eifersüchteleien neigenden Schiffskapitänen in Lissabon respektiert werden und den Zank über Ehrerbietung und Rangordnung verstummen lassen, der nach dem Tode des Marquis von Santa Cruz ausbrechen mußte. Und außerdem baute der König wohl darauf, daß der Herzog, trotz seiner angeblichen Armut und seiner Schulden, eine beträchtliche Summe zu dem Unternehmen beisteuern würde. In diesem Punkt sollte der König recht behalten.
Als Medina Sidonia Anfang März 1588 den regengepeitschten Ankerplatz von Lissabon erreichte, fand er die Flotte in einem Zustand haarsträubenden Verfalls vor. Seit Santa Cruz' Tod war nichts getan worden. Ein heilloses Durcheinander von Frachtgut und Nachschub häufte sich am Flußufer. Proviant und Wasser verdarben bereits, da sie sich in Fässern befanden, die in aller Eile aus grünem Holz zusammengezimmert worden waren - eine Folge von Francis Drakes Schlag im vorangegangenen Jahr. Die meisten Männer hatten weder Sold noch anständige Kleidung erhalten. Zum allem Übel wütete auch noch eine Typhusepidemie auf den Schiffen. Bei einem Appell stellte sich heraus, daß von den 22000 Soldaten annähernd 20 Prozent krank, tot oder verschollen waren.
Planmäßig und verbissen machte sich Medina Sidonia an die Arbeit. Eifrig studierte er Schlachtpläne und Verwaltungsakten, die er sich von Santa Cruz' Privatsekretär beschafft hatte. Er begann umgehend, das allgemeine Chaos aus Mißwirtschaft und Verwahrlosung zu entwirren. Das Versorgungsmaterial wurde in Inventarslisten erfaßt und gleichmäßig auf die Schiffe verteilt. Wie der König erwartet hatte, steuerte Medina Sidonia Geld aus seiner Privatschatulle bei, um Lebensmittel und Kleidung zu kaufen und den Sold zu bezahlen. Das Hämmern der Kalfaterer schallte erneut durch die Werft, als die Reparatur- und Ausrüstungsarbeiten wiederaufgenommen wurden. In einer Zeit einzelgängerischer Ruhmsucht und Tollkühnheit erwies sich der Herzog als vorzüglicher Administrator.
Eine seiner ersten Aufgaben bestand darin, die Bewaffnung der Flotte neu zu organisieren und zu verstärken. Einzelne Kapitäne hatten alles an sich gerissen, was sie an Geschützen und Munition bekommen konnten. Einige Schiffe waren daher unnötig überbewaffnet, andere verfügten über Geschütze ohne Pulver oder Kugeln, wieder andere hatten praktisch überhaupt keine Waffen. Darüber hinaus trafen aus England ernüchternde Berichte über die feindliche Feuerstärke ein. Der Herzog berief daher eine Versammlung von Kapitänen und Geschützexperten ein, um sich von ihnen beraten zu lassen. Auf ihren Vorschlag hin begann er, die Artillerie umzuverteilen und die schwersten Geschütze auf die in vorderster Linie operierenden Galeonen und umgerüsteten Kauffahrer zu verlegen. Eine fieberhafte Suche nach Kanonen setzte ein, insbesondere nach schweren Kulverinen und Halbkulverinen, die, wie man wußte, von den Engländern bevorzugt wurden. Der Herzog fand nie all die Waffen, die er haben wollte, aber es gelang ihm, die Pulverzuteilungen zu verdoppeln und die Munition von 30 Kanonenkugeln pro Geschütz auf 50 zu erhöhen.
Auf Geheiß seiner Ratgeber nahm der neue Admiral noch ein weiteres, weniger kluges Projekt in Angriff. Er machte sich daran, einige seiner Galeonen und Kauffahrer umzubauen, indem er ihre aufragenden Vorder- und Achterkastelle verstärkte. Dies stand in direktem Gegensatz zu der Umgestaltung, die John Hawkins bei Elisabeths Kriegsmarine durchgeführt hatte, als er unnötige Belastung entfernte, um die englischen Schiffe beweglicher und seetüchtiger zu machen. Aber die spanischen Kapitäne liebten nun einmal ihre majestätischen Kastelle, die für die traditionelle Taktik des Enterkampfes so hervorragend geeignet waren. Und Enterhaken und Enterkommandos waren genau das, was Medina Sidonia einzusetzen gedachte. Der König selbst hatte es in seinen Gefechtsbefehlen an die Flotte so angeordnet. Wie aber der Herzog seine schwerfälligen, turmhohen Schiffe Bord an Bord mit den schnellen und wendigen Engländern bringen sollte, darüber zerbrach sich niemand den Kopf.
Eine Geschützgießerei des 16. Jahrhunderts in den Niederlanden
Eine Geschützgießerei des 16. Jahrhunderts in den Niederlanden.
Das ganze verregnete Frühjahr hindurch schickte Philipp dem neuen Oberbefehlshaber eine ununterbrochene Flut von Ratschlägen und Ermunterungen und unterstrich immer wieder, daß Eile geboten war. "Der entscheidende Punkt ist, daß die Armada ausläuft", teilte er dem Herzog mit. Dem fügte er zahllose weitere Befehle hinzu, die noch das kleinste Detail des Unternehmens gegen England behandelten.
Medina Sidonia solle dafür sorgen, daß erfahrene Lotsen gefunden wurden, um die Schiffe durch den Ärmelkanal zu geleiten. Er sollte sich dicht an der englischen Seite halten, um die Untiefen und Sandbänke vor der französischen und flämischen Küste zu vermeiden. Er solle die Flotte zusammenhalten; für den Fall, daß sie durch einen Sturm auseinandergetrieben werde, sei ein Sammelpunkt in Vigo oder La Coruna an der spanischen Küste zu benennen oder aber, falls der Sturm sie zu weit abtreiben sollte, auf den Scilly-Inseln südlich von England. Er solle in ständiger Verbindung mit dem Herzog von Parma bleiben; Boten seien auf dem Seeweg nach Dünkirchen oder Nieupoort zu schicken oder auf dem Landweg durch die Normandie. Eine offene Schlacht mit Drake und der englischen Flotte sei nach Möglichkeit zu vermeiden. Seine Aufgabe bestehe darin, die Ausschiffung der Truppen Parmas in die Themsemündung zu sichern. Er habe weder Truppen an Land zu setzen noch irgend etwas auf eigene Faust an Land zu unternehmen.
Insbesondere wurde der Herzog ermahnt, für das gottgefällige Verhalten seiner Flotte Sorge zu tragen. "Alle Siege sind Gaben Gottes des Allmächtigen", schrieb der König feierlich, "und die Sache, die wir verfechten, ist so ausschließlich die Seine, daß wir auf seine Gunst und Hilfe zählen dürfen, wofern wir uns nicht durch unsere Sünden als unwürdig erweisen." In der Flotte durfte es weder Fluchen noch Glücksspiel oder Streitereien geben. Niemand sollte einen Dolch tragen, jeder sollte seine Sünden einem Priester beichten, und zweimal täglich sollte eine Andacht abgehalten werden. Und vor allem keine Weiber. Die letztgenannte Anordnung verursachte beträchtliche Aufregung, als man entdeckte, daß sich auf den Schiffen an die 600 anhanglose Damen häuslich niedergelassen hatten. Der Herzog war schockiert. Er ließ die Frauen hinauswerfen - nicht nur aus den Schiffen seiner Flotte, sondern auch aus der Stadt Lissabon selbst. Die Männer beschwerten sich heftig und ließen sich nur durch die Aussicht auf die kecken und drallen Mädchen Englands besänftigen.
Als das stürmische Märzwetter den milderen Lüften des April wich, nahm die Flotte allmählich Gestalt an. Am Ende der Osterwoche waren nur noch einige wenige Arbeiten zu erledigen. Nach monatelangen Vorbereitungen und Verzögerungen schien der Einsatz endlich erfolgen zu können.
Die Flotte, die sich im Hafen von Lissabon versammelte, war ungeheuer stark, "die größte Kriegsstreitmacht, die je auf dem Meer schwamm", wie ein Beobachter feststellte. Alles in allem waren es 130 Schiffe mit einer Gesamtgröße von 58000 Tonnen, von stattlichen 1000-Tonnen-Galeonen bis hinunter zu zwei- oder dreimastigen Patachen und kleinen Zabras mit Schaluppentakelung, den Beobachter- und Depeschenbooten der Flotte. Rund 8000 Seeleute waren ausgehoben worden, um die Schiffe zu bemannen, deren Kampftruppe sich aus über 20000 Soldaten aus allen Gegenden des katholischen Europa zusammensetzte. Das Unternehmen England sollte ein glorreicher Kreuzzug werden, der krönende Abschluß eines Jahrhunderts spanischer Siege über Sarazenen und Türken.
Wie es sich für einen Kreuzzug gehörte, musterten auch 180 Priester und Mönche an, um für das Seelenheil der Soldaten und Matrosen der Flotte zu sorgen und die englischen Ketzer zu bekehren. Für den Fall, daß der göttliche Beistand während des Gefechts vorübergehend erlahmte, standen 85 Schiffsärzte mit ihren Hilfskräften bereit, um die Verwundeten zu behandeln. Im Hinblick auf den zu erwartenden Sieg hatte Philipp 19 Richter und 50 Verwaltungsbeamte unter einem Generalinspekteur eingestellt; sie sollten in London eine Besatzungsregierung bilden.
Die Artillerie, die man zusammengetragen hatte, schien ausreichend, selbst das mächtigste Königreich zu zerschmettern: Angeblich waren es 2431 Geschütze, dazu 123790 Kanonenkugeln, 5600 Zentner vom besten Schießpulver und 1200 Zentner Lunte. Für den Nahkampf führte die Flotte rund 7000 Arkebusen sowie 10000 Piken und Hellebarden mit sich. Darüber hinaus war eine große Menge von Feldgeschützen für den Landkrieg an Bord geschafft worden, zusammen mit 40 Maultieren und Lafetten für die Artillerie sowie Schaufeln, Äxte und andere Geräte, die zum Ausheben von Gräben und zur Errichtung von Schanzen erforderlich waren.
Die Laderäume der Schiffe waren angefüllt mit Proviant für sechs Monate - viele Tonnen Reis, Bohnen, Fisch, Kichererbsen, Speck, Zwieback, Käse, Olivenöl, Essig. Es gab 147000 Schläuche Wein und 12000 Fässer mit halbwegs frischem Wasser. Jeder Kapitän bekam einen detaillierten Speisezettel ausgehändigt: sonntags 170 Gramm Speck pro Mann, freitags und an Festtagen 170 Gramm Fisch, mittwochs und samstags Käse und so weiter.
Die 130 Schiffe der Armada waren ihrem Herkunftsort entsprechend in zehn Geschwader eingeteilt, wobei die wichtigsten Kampfmittel - die mächtigen Galeonen aus Portugal und die etwas kleineren Galeonen aus der spanischen Provinz Kastilien - die zwei vorderen Gefechtsgeschwader bildeten. Unter den insgesamt zwölf portugiesischen Schiffen befand sich auch die mit 48 Geschützen bestückte, 1000 Tonnen große San Martin, die Medina Sidonia zu seinem Flaggschiff erkor. Die spanische Abteilung bestand aus zehn Galeonen zwischen 500 und 700 Tonnen, die normalerweise als Geleitschutz für die karibische Silberflotte eingesetzt wurden, vier großen bewaffneten Kauffahrern aus den spanischen Besitzungen in Mittelamerika und einigen Pinassen. Der Kommandant des Geschwaders, ein alter Seebär mit 20jähriger Erfahrung im Westindienhandel namens Don Diego Flores de Valdés, war wegen seiner Geschicklichkeit im Kartenzeichnen und Schiffbau berühmt - leider auch wegen seiner Wutanfälle. Er lag ständig mit seinen Offizierskollegen in Fehde, die ihn allesamt nicht ausstehen konnten. Trotzdem ernannte Philipp ihn zum Stabschef unter Medina Sidonia und betraute ihn mit der Entscheidungsgewalt in allen Angelegenheiten der Strategie, der Taktik und der Schiffsführung. Valdés fuhr mit dem Herzog an Bord der San Martin
Vier weitere Wasserfahrzeuge eines eigenartigen Mischtyps, sogenannte Galeassen, vervollständigten die Gefechtsfront. Diese Schiffe, halb Segelgaleone und halb Rudergaleere, waren imposante Kriegsmaschinen mit jeweils 50 Geschützen, "von solcher Größe", wie ein englischer Zeitgenosse sagte, "daß sie in ihrem Inneren Stuben, Kapellen, Erker, Kanzeln und andere nützliche Sachen großer Häuser enthielten". Jede enthielt aber auch 300 unglückliche Galeerensklaven, die an Bänke gekettet waren. Die Galeassen waren jedoch schnell und beweglich, vermochten auch bei Windstille zu operieren und konnten eine donnernde Breitseite abfeuern, weshalb man große Erwartungen in sie setzte. Der Flotte gehörten überdies vier herkömmliche Galeeren aus Portugal an, die bei ruhigem Wetter zum Einsatz kommen sollten.
Die übrigen Kampfschiffe, zumeist bewaffnete Kauffahrer, waren in vier Geschwader von je zehn Schiffen eingeteilt, und die Namensliste ihrer Kommandanten las sich wie ein Verzeichnis spanischer Marinehelden.
Die vierte Gruppe von Kriegsschiffen der zweiten Linie, das sogenannte levantinische Geschwader, wies eine bunte Mischung von Schiffen auf, die aus mit Spanien befreundeten Hafenstädten kamen - aus Venedig, Genua, Barcelona und Neapel, aus Ragusa (heute Dubrovnik) und aus Hamburg. Der berühmteste Kämpfer dieses Geschwaders war ein im Landkrieg erfahrener Edelmann namens Don Alonso de Leiva. Er sollte den Oberbefehl übernehmen, falls Medina Sidonia ausfiel. Er fuhr auf seinem eigenen Schiff, dem 800-Tonner Rata Santa Maria Encoronada. Mit ihm segelte eine muntere Schar sogenannter Freiwilliger vom Stand - 69 Männer von hoher Geburt und ritterlicher Tapferkeit, die sich auf der Suche nach Ruhm und Ehre dem Kreuzzug auf eigene Kosten angeschlossen hatten und ein Gefolge von Knappen und Bediensteten mitbrachten.
Die beiden letzten Geschwader von La Felicissima Armada ("Die Glückseligste Flotte") waren nicht für den Kampf bestimmt. Es handelte sich um eine bunte Mischung von Patachen und Zabras für den Wach- und Depeschendienst und schwerfällige Urkas, die bis zum Bersten mit zusätzlichem Proviant und Material beladen waren: Ersatzlafetten, Pferden und Maultieren, dem Belagerungsgerät, Handfeuerwaffen und Munition, Ochsenhäuten zum Abdichten von Lecks und vielen anderen Dingen, wie 8000 Lederflaschen, 5000 Paar Schuhen und 11000 Paar Sandalen.
Bevor die Flotte auslaufen konnte, mußte noch ein wichtiges Zeremoniell vollzogen werden. Am Morgen des 25. April bewegte sich um sechs Uhr früh ein feierlicher Zug von Soldaten und Würdenträgern vom königlichen Schloß zur Kathedrale von Lissabon. Auf dem Hochaltar lag das riesige seidene Banner der La Felicissima Armada, das Ehefrauen und Mütter prächtig bestickt hatten. Es zeigte das Wappen Spaniens, flankiert von der lebensgroßen Darstellung des gekreuzigten Christus und der Jungfrau Maria, und in den Stoff war eine lateinische Inschrift gearbeitet: Exurge Domine et vindica causam tuam ("Erhebe dich, o Herr, und fordere Dein Recht"). Medina Sidonia kniete nieder und ergriff den Saum des Banners, während der Erzbischof von Lisabon den Segen sprach. Die draußen vor der Kathedrale angetretene Ehrengarde feuerte eine Musketensalve ab, die von den Kriegsschiffen im Hafen donnernd erwidert wurde. Dann zog die ganze Gemeinde zum Ufer, wo sie von Booten erwartet wurde, die die Reisenden zu den Schiffen bringen sollten.
Es dauerte zwei Wochen, die 29000 Männer und das restliche Material an Bord zu schaffen. Am 11. Mai setzten sich die Führungsschiffe endlich flußabwärts nach Belém in Bewegung, der Tejo-Mündung entgegen, um dort auf guten Wind für die Reise nach England zu warten.

 

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