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Die Armada

Die Armada Fortsetzung
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Armada / © by Webmaster

 

Kapitel 2

Die Mobilisierung der Flotten

In der königlichen Marinewerft in Chatham, dort, wo der Medway zur Themsemündung und zum offenen Meer hin abbiegt, herrschte im August des Jahres 1586 Hochbetrieb. Bootsleute brüllten Anweisungen, Falleinen knarrten in den Blöcken, Riemen schlugen ins Wasser ein, und Schlepptaue flogen umher. Alles schien sich gleichzeitig abzuspielen. Stapel von Tauwerk, Talgfässer, Segeltuchballen und Tonnen von Produkten aller Art türmten sich auf den Kais. Schauerleute luden Versorgungsmaterial in Leichter, die sie zu den im Fluß festgemachten Galeonen ruderten. Munitionskisten mit Kugeln und Pulver rollten aus dem Artilleriedepot im Tower von London an, und ihr Inhalt wurde eilig hinaus auf die Schiffe transportiert. Im Hafen luden Besatzungsmitglieder die verschiedensten Nahrungsmittel in die aufnahmebereiten Laderäume: Fässer mit gepökeltem Rindfleisch, mit Stockfisch, frischen Äpfeln und Birnen, mit Butter und Käse sowie schäumendem Braunbier. An Bord eines Schiffes traf ein blökender, grunzender Zug von Schafen und Schweinen ein - das Schlachtvieh für den Schiffskoch.
In den 14 Monaten, die vergangen waren, seit die Primrose mit der Nachricht von der spanischen Ergreifung der englischen Getreideschiffe heimgekehrt war, hatte sich England fieberhaft an den Aufbau einer Kriegsmarine gemacht. Inzwischen besaß es fünf neue oder völlig renovierte Kriegsschiffe, und diese standen nun im Begriff, zu einer Fahrt in See zu stechen, die ihre Segeleigenschaften erproben sollte. Mit einem Gefolge von bewaffneten Kauffahrern, Proviantschiffen, Patrouillen- und Depeschenpinassen bestand die Flotte aus 18 Schiffen und stellte die größte englische Seestreitmacht dar seit der fast sieben Jahre zurückliegenden Fahrt Sir William Wynters nach Irland. Der Mann, der das Chaos in eine geordnete Mobilmachung verwandelte, war John Hawkins.
Die 18 Schiffe der englischen Flotte
Auf dieser stilisierten Karte aus dem 16. Jahrhundert liegen 18 Kriegsschiffe in der königlichen Werft von Chatham (unten links), wo John Hawkins, als Schatzmeister der Admiralität, von 1578 an die Flotte erneuerte. Chatham war ein idealer Platz für die königliche Werft; über die Themsemündung besaß es leichten Zugang zum Ärmelkanal, war aber gleichzeitig durch eine Kette von Befestigungsanlagen vor feindlichen Überfällen geschützt.
Mehrere Jahre waren vergangen, seit Hawkins zuletzt zur See gefahren war. Seit seinem kurzen Abstecher in die Welt der internationalen Spionage im Jahre 1571, als er dazu beitrug, das Komplott des italienischen Bankiers Roberto Ridolfi zum Sturze Königin Elisabeths zu vereiteln, hatte Hawkins seine Fähigkeiten an Land eingesetzt, und zwar für eine Sache, die für England von höchster Wichtigkeit war. Zunächst als Kaufmann in Plymouth, dann als Schatzmeister und oberster Beamter der Admiralität in Chatham reformierte er die Kriegsmarine Ihrer Majestät von Grund auf.
Als Hawkins in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts seine Aufmerksamkeit der Marine zuwandte, war sie meilenweit von ihren glorreichen Tagen unter Heinrich VIII. entfernt. Damals hatte das Königreich über 50 gefechtsbereite Schiffe unterhalten, die mächtigste Seestreitmacht Europas. Seit jener Zeit hatte sich die Größe der Flotte mindestens um die Hälfte verringert. In dieser verkleinerten Form reichte sie gerade noch aus, um in den englischen Heimatgewässern zu patrouillieren - im Ärmelkanal, in der Nordsee und der irischen See.
In Übereinstimmung mit dem Gefühl, das in einem alten Vers zum Ausdruck kam: "Bewahret Euch das Meer, das Englands Schutzwall ist - Und England ist in Gottes Hand bewahrt", glaubten die meisten Engländer, das sei durchaus genug, um sich vor Feinden sicher zu fühlen.
Hawkins war anderer Ansicht. Er erkannte, daß England, falls es im Außenhandel mit Spanien konkurrieren oder gar für den Krieg gerüstet sein wollte, den jedermann erwartete, seine Flotte dringend verbessern mußte. Er brauchte stärkere, schnittigere, wendigere Schiffe und in jedem Fall eine größere Anzahl als zuvor.
Die meisten in der Kampflinie eingesetzten Kriegsschiffe jener Zeit waren ausladende, schwerfällige Wasserfahrzeuge zwischen 600 und 800 Tonnen, die von vorne nach achten zu von riesigen burgartigen Aufbauten beherrscht wurden. Diese Kastelle wirkten wie schwimmende Belagerungstürme, und genau das waren sie auch. Sie dienten als Plattformen, von denen ein brutaler Kugelhagel aus Handfeuerwaffen auf das Deck eines geenterten feindlichen Schiffes niederprasselte, während an Bord des gegnerischen Wasserfahrzeugs Mann gegen Mann gekämpft wurde. Abgesehen von ihrer praktischen Funktion, gaben die Kastelle den Angreifern einen deutlichen psychologischen Vorteil; sie brachten "Ehrfurcht und Entsetzen über die Feinde". Jedenfalls glaubte man das damals. Nach Hawkins' Ansicht stellten die hochragenden Kastelle eine Behinderung dar. Sie machten ein Schiff topplastig, verringerten die Geschwindigkeit, verhinderten, daß das Schiff gut am Wind segelte, und machten es bei stürmischem Wetter nahezu unmanövrierbar.
Zwei Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert
Zwei Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert, die vermutlich von Matthew Baker, dem leitenden Schiffbaumeister der königlichen Werft, stammen, zeigen die Breitseitenansicht einer schnellen Galeone und ihren Segelplan...
Der Schiffbau entwickelte sich bereits in Richtung auf niedrigere Linien hin; die 450 Tonnen große Revenge, die eines der berühmtesten Schiffe des Jahrhunderts werden sollte, erhielt bei ihrer Kiellegung im Jahre 1575 bereits kleinere Kastelle, und sie erwies sich in der Praxis als schnell und seetüchtig. Als Hawkins im Jahre 1578 zur Admiralität kam, beschloß er, daß die Königin mehr Schiffe von der Art der Revenge haben mußte. Eine völlig neue Flotte zu bauen kam aus Kostengründen nicht in Frage, aber man konnte die bereits vorhandenen Schiffe weitgehend umbauen. Und so ordnete Hawkins an, daß jedes Schiff, das zur Überholung in die Marinewerft nach Chatham kam, nicht nur wie üblich abgekratzt, kalfatert, geteert, gestrichen und repariert wurde, sondern auch wesentliche bauliche Veränderungen erfuhr.
Zwei Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert
...sowie vier Mittschiffschnitte samt den Anweisungen zum Berechnen der Maße ähnlicher Schiffe von unterschiedlicher Größe. Zeichenpläne dieser Art waren eine Neuheit und beschleunigten die Renovierung der elisabethanischen Flotte; bis dahin waren Schiffe nach den vom Vater auf den Sohn weitergegebenen Kenntnissen gebaut worden, und Neuerungen kamen selten vor.
Von 1578 an wurden die königlichen Schiffe eines nach dem anderen, seinen Instruktionen entsprechend, umgestaltet. Die Aufbauten wurden entfernt. Das Heckkastell wurde zu einem anmutig abgeschrägten Gebilde aus Achterdeck und Halbdeck zurechtgestutzt, und aus dem Bugkastell entstand ein schlichtes Deckhaus hinter dem Vordersteven. Der Rumpf wurde länger im Vergleich zur Schiffsbreite, was ihm eine klarere, schnittigere Form oberhalb und unterhalb der Wasserlinie gab und eine ruhigere, schnellere Fahrt durch das Wasser möglich machte. Hawkins brachte auch eine entscheidende Verbesserung an der Takelage an; er ließ die Segel neu zuschneiden, damit sie nicht so leicht geschwellt wurden. Jahrelange praktische Erfahrung auf See hatte ihn gelehrt, daß ein Schiff um so höher an den Wind gehen kann, je flacher die Segel stehen.
Wie zu erwarten, löste die Arbeit in der Werft von Chatham bei Hawkins' Kollegen in der Admiralität heftige Proteste aus. Mit die lautesten kamen von William Borough, einem engstirnigen Verfechter der herkömmlichen Seefahrt, der Clerk of the Ships war, Fachmann für Navigationskunde und Autor eines hochgeschätzten Werkes über Kompaßabweichungen. Borough beschwerte sich bitter darüber, daß Hawkins die Schiffe stutzte und verunstaltete. Ohne die hochragenden Aufbauten seien die umgebauten Galeonen anfällig für Enterversuche von feindlichen Schiffen mit Kastellen. In diesem Punkt hatte er recht. Aber Hawkins hatte nicht die Absicht, seine Galeonen entern zu lassen. Der Sinn der ganzen Sache war ja, sie zu befähigen, jedes andere Schiff auf dem Wasser auszumanövrieren.
Durch den längeren Rumpf, den Hawkins den Schiffen gegeben hatte, konnten sie mehr und größere Geschütze mitführen, und Hawkins sorgte dafür, daß seine Galeonen nur so von Waffen starrten, die das Beste darstellten, was die Gießereikunst des 16. Jahrhunderts liefern konnte. Zu der Vielzahl von Geschützen, die er aufstellen ließ, gehörten kurze, leichte Geschütze, die 29 Pfund schwere Eisenkugeln schleuderten, und gedrungene Mörser, die 22 Pfund schwere Steingeschosse ausspieen; beide konnten einen kräftigen Eichenrumpf durchbohren. Diese Geschütze konnten außerdem auch eine Vielfalt anderer Geschosse abfeuern, wie etwa Steinbrocken, Musketenkugeln, Eisenstangen und Ketten; ein solcher tödlicher Geschoßhagel zerfetzte die Segel und zerschnitt die Takelage. Am bemerkenswertesten waren die schlanken, langrohrigen, aus Bronze gegossenen Kulverinen und Halbkulverinen, die 15 beziehungsweise 8 Pfund schwere Kugeln verschossen und eine theoretische Reichweite von anderthalb Kilometern hatten. Diesen schiffsvernichtenden Waffen maß Hawkins den größten Wert bei; zusammen machten sie mehr als die Hälfte der gesamten Bestückung aus, die er aufstellen ließ.
So sahen also die Schiffe aus, mit denen Hawkins im September 1586 die Marinewerft in Chatham zu einer Erprobungsfahrt verließ. Sein Flaggschiff, ein alter 500-Tonner, der noch aus der Regierungszeit der Königin Maria stammte, war völlig umgebaut worden und hatte den Namen Nonpareil erhalten. Es führte eine neue Besegelung und hatte eine Besatzung von etwa 250 Mann sowie 44 schwere Bronzegeschütze an Bord. Der stellvertretende Kommandant der Flotte war kein anderer als der skeptische William Borough, der auf der Golden Lion fuhr, einer umgebauten Galeone mit 54 Geschützen, welche in zwei Linien entlang der Breitseiten und in Stückpforten an Bug und Heck aufgestellt waren. Borough wollte sehen, ob die Neuerungen des Schatzmeisters tatsächlich funktionierten. Dann kam die 450 Tonnen große Revenge, die als Prototyp für die von Hawkins vorgenommenen Veränderungen gedient hatte. Die ebenfalls von Hawkins umgebaute 600 Tonnen große Hope und die gerade erst fertiggestellte Tremontana mit 150 Tonnen vervollständigten das Quintett der königlichen Schiffe. Alle trugen am Heckspiegel das leuchtend vergoldete Wappen der Königin, und ihr Oberwerk war festlich geschmückt - vielfach in Grün und Weiß, den Farben der Tudors.
Die Mannschaften waren in ganz England an Kais und in Hafenkneipen ausgehoben worden (die Königin besaß keine stehenden Besatzungen) und hatten Geld für die Reise nach Chatham und den Kauf von Segeltuchjacken erhalten. Um erfahrene Seeleute anzuwerben, hatte Hawkins die Heuer von sechs Shilling und acht Pence auf 10 Shilling pro Monat erhöht.
Es läßt sich nicht ausschließen, daß Hawkins die Absicht hatte, einen spanischen Hafen zu blockieren, um auch auf diese Weise die Fähigkeiten der englischen Marine zu erproben. Genaueres weiß man nicht, denn seine Fahrtorder ist nicht überliefert. Vielleicht wollte er die aus den karibischen Gewässern zurückkehrende spanische Silberflotte oder portugiesische Karacken auf dem Rückweg aus Ostindien abfangen. Auf jeden Fall nahm er mit seinen Schiffen Kurs auf Spanien.
Er verfehlte sowohl die Silberschiffe als auch die Karacken; das einzige, was er aufbringen konnte, waren einige kleine Handelsschiffe, die mit Zucker und Farbholz von Brasilien aus heimwärts segelten. Er führte seine Flotte den Kapitänen vor und gab ihnen so einen ernüchternden Vorgeschmack dessen, was ihre zukünftige Armada von einem solchen Gegner zu erwarten hatte. Dann entließ er die tiefbeeindruckten Kapitäne nach Spanien, wo sie ihre Schilderungen der englischen Seestreitmacht weitergaben. Anschließend kehrte er nach England zurück.
Auch wenn die Leistungen der Marine auf dieser Fahrt nicht gerade großartig waren, so hatte sich das Unternehmen dennoch gelohnt: Die Flotte der Königin hatte ihre Erprobung auf See mit Glanz bestanden. Während ihrer rund zweimonatigen Abwesenheit hatten die Schiffe kaum ein Leck bekommen, und die Besatzungen waren gesund und munter geblieben. William Borough beschloß, daß ihm die neuartigen Galeonen nun doch gefielen, und wurde ein unerschütterlicher Verbündeter von Hawkins.

 

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