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Die Armada
© by Time Life Bücher / Buchreihe-Die Seefahrer / Band-Die Armada / © by Webmaster
Kapitel 1
Der Weg in den Krieg
An einem schönen Juninachmittag des Jahres 1585 lag das aus London kommende 150 Tonnen große Handelsschiff Primrose im Golf von Biscaya vor der spanischen Stadt Portugaleta vor Anker. Schon seit zwei Tagen löschte die Besatzung der Primrose eine Ladung Getreide, schaffte Säcke in einen Leichter und beförderte sie über die der Hafeneinfahrt vorgelagerten Sandbank zu den Kais. Zwei weitere Londoner Getreideschiffe lagen jenseits der Sandbank von Portugalete. Wieder andere brachten ihre Ladungen in weiteren nordspanischen Hafenstädten an Land.
Im Jahre 1585 war es nicht die Regel, daß englische Schiffe spanische Seehäfen anliefen. Es war eine Zeit erbitterter, immer wieder offen ausbrechender politischer Zwistigkeiten, und in den jüngsten Monaten hatte der Handelsverkehr zwischen den beiden Ländern praktisch aufgehört. Doch hier handelte es sich um einen Notfall. In Spanien hatte es eine Mißernte gegeben, und die Primrose und ihre Schwesternschiffe waren auf Grund einer Sondervereinbarung zwischen dem spanischen König und der englischen Königin gekommen, um die Not zu lindern, und der König hatte den englischen Schiffen und Besatzungen freie An- und Abfahrt garantiert.
Am Nachmittag fuhr eine Pinasse aus dem Hafen auf die Primrose zu; an Bord befanden sich sieben Männer, die wie Kaufleute gekleidet waren und Körbe mit frischen Kirschen anboten. Der Kapitän der Primrose, Thomas Foster, hieß sie an Bord willkommen. Er ließ alles auffahren, was er an guter englischer Kost zu bieten hatte: gepökeltes Rindfleisch, Schiffszwieback und Bier. Die Spanier griffen mit sichtlichem Appetit zu und plauderten über Schiffe, Ladungen und Preise. Einer von ihnen versuchte, dem Kapitän die schweren Geschütze der Primrose abzuhandeln - Kanonen und Kulverinen aus Bronze und Gußeisen, die zur Verteidigung gegen Piratenüberfälle mitgeführt wurden. Doch kaum waren die ersten Becher Bier geleert, als sich auch schon vier der Gäste erhoben und eilig in die Stadt zurückkehrten.
Obgleich die Besucher einen umgänglichen Eindruck machten, erregte ihr Verhalten doch Fosters Mißtrauen. Jeder Kahnführer auf der Themse hatte von englischen Schiffen gehört, die in spanischen Häfen festgehalten worden, und von Seeleuten, die auf spanischen Galeeren oder in den Kerkern der Inquisition verschwunden waren. Trotz der königlichen Garantie wies Foster seine Leute an, die Augen offenzuhalten.
Und das war gut so, denn gegen sechs Uhr am Abend jenes 5. Juni kehrten die Spanier mit Verstärkung zurück. Sie kamen in zwei Booten: der mit 24 Männern besetzten Pinasse, welcher ein zweites Fahrzeug mit mehreren Dutzend Männern folgte. Die Pinasse ging längsseits, und eine Gruppe von Beamten stieg an Deck. Ihr Anführer schritt geradewegs auf Foster zu, der am Großmast stand. Ohne jedes Zögern befahl Foster den übrigen Spaniern, in ihren Booten zu bleiben.
Sie achteten jedoch nicht auf ihn, sondern kletterten über die Seiten der Primrose und schwärmten, Säbel und Dolche schwingend, über die Decks. Ein Mann schlug auf einer großen Trommel einen Wirbel. Ein anderer setzte Foster einen Dolch an die Kehle. "Ergebt Euch, denn Ihr seid Gefangener des Königs!" schrie der das Messer führende Spanier. "Wir sind verraten!" brüllte Foster, der nicht die Absicht hatte, sich irgend jemandem zu ergeben. Auch die anderen englischen Seeleute verspürten offensichtlich keine Neigung dazu. Die Besatzungsmitglieder hatten im Laderaum bereits alle gerade greifbaren Waffen - Dolche, Lanzen, Knüppel, Wurfspieße und kleinkalibrige Musketen - an sich genommen. Nun stürmten die meisten Männer an Deck und warfen sich, wie ein zeitgenössischer Chronist schrieb, "in solch kühner und mannhafter Weise" auf die Angreifer, "daß sie mit jedem Streich zwei oder drei Spanier in Angst und Schrecken versetzten". Einige mit Musketen bewaffnete Männer blieben unter Deck und begannen jetzt durch die Grätings nach oben zu schießen. Das Feuer von unten traf die Spanier völlig unvorbereitet; sie hatten sich wie üblich Papier in die Wämse gestopft, waren jedoch unterhalb der Gürtellinie ungeschützt. Als nun die Kugeln bedrohlich unter ihren Füßen pfiffen, verloren die Spanier die Nerven.
Das Scharmützel dauerte nur wenige Minuten, dann traten die Spanier den Rückzug auf der ganzen Linie an. "Nun strömte ihr Blut in großen Mengen über das Schiff", schrieb ein Chronist, "denn einige von ihnen wurden zwischen den Beinen getroffen, daß ihnen die Kugeln an der Brust austraten, einige hatten kräftige Hiebe auf den Kopf, andere Stiche in den Körper erhalten, und viele von ihnen waren schwer verwundet. So schnell sie vorher an Bord gekommen waren, so flink stürzten sie nun mit der Waffe in der Hand über Bord."
Eine ganze Reihe rettete sich durch einen Sprung in die eigenen Boote und eilte zurück an Land. Andere fielen ins Wasser und ertranken. "Es war jämmerlich anzusehen", erklärte der Chronist, "wie die Spanier im Meer trieben und nicht imstande waren, ihr Leben zu retten." Vier Männern gelang es, sich an Tauen festzuhalten, die an der Wand der Primrose baumelten; Foster ließ sie als Gefangene an Bord hieven. Er wartete nicht ab, um sich Klarheit über den Stand der Dinge zu verschaffen, sondern lichtete den Anker, setzte die Segel und fuhr schleunigst hinaus aufs Meer.
Die Besatzung der Primrose hatte nur wenige Verluste zu verzeichnen: sechs Verwundete und eine Toten. Die Männer, die sich mit dem Getreideleichter an Land befanden, waren vermutlich Gefangene, und ein Teil der Ladung war verlorengegangen. Doch die Primrose hatte Glück gehabt: Sie war das einzige Schiff der gesamten Londoner Getreideflotte, das entkam. Alle anderen englischen Schiffe, die sich in jener ersten Juniwoche in spanischen Häfen aufhielten, wurden aufgebracht, ihre Ladungen beschlagnahmt und ihre Besatzungen festgenommen.
Die Flucht der Primrose verhalf den Engländern zu sehr wertvollen Informationen. Unter den Spaniern, die sie aus dem Golf gefischt hatte, befand sich auch der Anführer des Überfalls, der amtierende Gouverneur der Provinz Biscaya. Befragt, weshalb er versucht habe, das Schiff zu beschlagnahmen, verlangte er nach seinen Beinkleidern, die zum Trocknen aufgehängt waren. Aus einer Tasche zog er ein durchnäßtes Pergament. Es war ein schriftlicher Befehl, der die Übernahme anordnete.
Die Bedeutung dieses Schriftstücks war unmißverständlich. In ganz Europa konnte nur ein einziger Mann einen solchen Befehl erteilt haben, nämlich Philipp II., Seine Katholische Majestät der König von Spanien, der mächtigste Herrscher der Christenheit und der Mann, der selbst um die Entsendung der Getreideschiffe gebeten hatte.
Am 18. Juni, nur 13 Tage nach ihrer überstürzten Abreise aus Spanien, ging die Primrose in der Themse vor Anker. Unverzüglich wurde Sir Francis Walsingham, Königin Elisabeths Staatssekretär und Chef des englischen Geheimdienstes, von dem Vorfall unterrichtet. Walsingham berief eine Sitzung des Kronrates ein. Die vier Gefangenen wurden zum Verhör in den Tower von London geschafft und ihre Aussagen noch am gleichen Tag an den Kronrat weitergeleitet. Neben der erlittenen Schmach erörterte der Kronrat ein zweites Problem, das weit beunruhigender war. In seinem Befehl hatte König Philipp seine Gründe für das Ergreifen der Schiffe ausführlich dargelegt. Er benötigte sie, wie er schrieb, für eine gewaltige Armada, die gerade samt den dazugehörigen Soldaten, Vorräten und Waffen in Lissabon und Sevilla bereit gemacht wurde.
Kein Mensch in England wußte, wozu eine solche Flotte eingesetzt werden sollte. Zu einem Vorstoß gegen die Mohammedaner, die von Zeit zu Zeit die östlichen Randzonen des spanischen Besitzes in Europa bedrohten? Wohl kaum; die Moslems hatten sich in letzter Zeit ruhig verhalten. Als Geleitschutz für die alljährlichen Schatzschiffe aus Westindien? Schon eher. Zur Verstärkung der spanischen Armeen, die in den Niederlanden gegen die Rebellen kämpften? Vielleicht. Aber es gab noch eine weitere Möglichkeit, die wohl eher ins Schwarze traf und wesentlich unheilvoller war. Für viele Engländer konnte eine spanische Armada nur das eine bedeuten: die bevorstehende Invasion Englands.
England hatte seit Menschengedenken unter der Bedrohung eines Angriffs von See her gelebt. Während der Regierungszeit von Elisabeths Vater, Heinrich VIII., hatten sich zweimal feindliche Flottillen aus Frankreich in der Straße von Dover versammelt - und eine von ihnen war bis zur Isle of Wight vorgedrungen, ehe sie von Heinrichs Schiffen aufgehalten werden konnte. Spanien und England waren damals Verbündete gewesen, doch im Laufe der Jahre war die Allianz nach und nach auseinandergebrochen. Die ersten feinen Risse zeigten sich schon in den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts, kaum daß Philipp und Elisabeth die Herrschaft angetreten hatten - und obwohl keiner der beiden Monarchen Unannehmlichkeiten wünschte. Verschiedene Ereignisse ließen die Risse größer werden. Auf den entgegengesetzten Seiten des Erdballs kam es zu Konflikten, ausgelöst durch vielschichtige und mächtige Kräfte, denen selbst die fähigsten Monarchen nicht Einhalt bieten konnten.
Neben ihrem Gemahl, König Philipp II. von Spanien, sitzt Königin Maria auf dem Thron. Die Heirat war im protestantischen England unpopulär.
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Als Philipp 1556 den Thron bestieg, war er ein gottesfürchtiger und pflichtgetreuer junger Mann von 28 Jahren mit mehr Titeln hinter seinem Namen als jeder andere Herrscher in Europa. Niemand hatte je eine solche Fülle von Königreichen, Herzogtümern, Grafschaften und Fürstentümern geerbt. Er war der König von Spanien, Sizilien und Neapel, von Mexiko, Peru und den "Inseln und Festländern des Ozeans"; er war Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, von Brabant und von Mailand, Graf von Habsburg und von Flandern - und anderes mehr.
Der Wille Gottes in bezug auf England forderte, nach Philipps Ansicht, unbeirrbares Wohlwollen. Im Jahre 1554 war er als junger Prinz mit der damals regierenden Königin der Insel, der katholischen Maria I., vermählt worden. Es handelte sich um eine rein politische Heirat, deren Zweck es war, die englisch-spanische Freundschaft zu fördern. Als Marias Prinzgemahl versuchte Philipp hartnäckig, seine angeheirateten Untertanen für sich zu gewinnen - jedoch ohne großen Erfolg. Das hervorstechendste Merkmal von Marias Regierungszeit war ihre erbarmungslose Verfolgung der englischen Protestanten; so gab sie einmal den Befehl, rund 300 protestantische Geistliche hinzurichten. Als Katholik und Ausländer bekam Philipp einen Großteil der Schuld daran zugeschoben. Er muß daher ein Gefühl der Erleichterung verspürt haben, als er 1555 in seine Heimat zurückkehrte, um nach der Abdankung seines Vaters den spanischen Thron zu besteigen. Dennoch erbot er sich nach Marias Tod, ihre Halbschwester und Erbin Elisabeth zu heiraten, in der pflichtbewußten Überzeugung, daß Spanien und England zusammenstehen müßten. Sie liebäugelte kurz mit Philipps Angebot, wies es dann aber ebenso zurück wie später viele andere.
Alle europäischen und viele englische Katholiken waren über Elisabeths Thronbesteigung empört. Die rechtmäßige Herrscherin des Landes war für sie Elisabeths Cousine, die streng katholische Maria Stuart, Königin von Schottland. Aber die neue Königin nahm das Ruder mit solch meisterlichem Selbstvertrauen in die Hand, daß jedermann erstaunt war. "Wenn ich auch vielleicht kein Löwe bin", sagte sie einem ausländischen Diplomaten, "so bin ich doch das Kind eines Löwen und habe das Herz eines Löwen." Sie ging daran, den Krieg mit Frankreich zu beenden, die Flotte zu erneuern, die Staatskasse wieder zu füllen, die anglikanische Kirche wieder einzusetzen und mit so viel Geschick und Hingabe um ihr Volk zu werben, daß sie die meistgeliebte Monarchin werden sollte, die England je besaß. "Nie wurde eine klügere Frau geboren", erklärte ein Mitglied ihres Kronrates, und die meisten ihrer Untertanen pflichteten ihm bei.
Was Elisabeth am wenigsten brauchen konnte, waren Spannungen mit anderen Ländern - insbesondere mit einem so mächtigen Staat wie Spanien. Zum Teil wurden sie durch Elisabeths seefahrende Kaufleute verursacht, zähe Protestanten aus Devon, Cornwall und Kent, die entschlossen waren, überall und ohne fremde Einmischung Handel zu treiben. Einige von ihnen wagten sich über den Atlantik zu den sagenhaft reichen Westindischen Inseln vor, wo durch päpstliches Dekret das Recht auf Handel ausschließlich den Spaniern vorbehalten war. Andere wandten sich der Piraterie zu; indem sie katholische Schiffe, insbesondere spanische, überfielen, konnten sie gleichzeitig reich werden und Gott dienen. Bei derartigen Raubzügen machten Elisabeths Matrosen gelegentlich Bekanntschaft mit der spanischen Inquisition; 1562 wurden, wie ihr Sekretär notierte, 26 englische Seeleute auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Auch im Inneren des Königreiches gab es Zwist und Unruhe. Sie rührten von Agenten und Missionaren her, die von Rom ausgesandt wurden mit dem Ziel, Elisabeth zu stürzen und England wieder für die römische Kirche zu sichern. Und auf der anderen Seite des Ärmelkanals, direkt vor Englands Haustür, lag der gefährlichste Unruheherd von allen: die Niederlande, wo sich das protestantische Volk 1566 in offenem Aufruhr gegen die spanische Herrschaft erhoben hatte. Schon beim ersten Anzeichen von Rebellion handelte Philipp. Er sandte einen seiner hervorragendsten Adligen, Don Fernado Alvarez de Toledo, Herzog von Alba, mit 10300 Soldaten aus, um die Revolte niederzuschlagen. Dies wiederum beunruhigte die Engländer. Da stand nun Europas bester General mit Europas größter Armee nur etwas über 60 Kilometer von den Klippen von Dover entfernt. Kein anderes Ereignis machte Elisabeth und ihre Ratgeber derart nervös.
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