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Die Seefahrer des Altertums

Die Seefahrer des Altertums
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Händler und Krieger auf einem unkartierten Meer

Schon 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung segelte ein ägyptisches Handelsschiff mit 120 Mann Besatzung über das Rote Meer zur Halbinsel Sinai, um eine Ladung Kupfererz aus den Minen des Königs aufzunehmen. Solche Seereisen waren nichts Ungewöhnliches. Dieses Schiff allerdings erreichte seinen Zielhafen nie - sein Schicksal lieferte den Stoff für das älteste schriftliche Zeugnis einer Schiffskatastrophe.
Die Überlieferung sagt weder etwas über den Namen des Schreibers noch über den des Schiffes aus; nur daß es eine Länge von 54 Metern und eine Masthöhe von 18 Metern hatte, wird berichtet - ernorme Ausmaße für ein Frachtschiff der damaligen Zeit. Dennoch war es verwundbar. Plötzlich aufkommende verheerende Stürme peitschten damals wie heute das Rote Meer. An der Küste gab es nur wenige Häfen, die Zuflucht boten. "Wir flogen vor dem Wind dahin", heißt es in den einer Papyrusrolle anvertrauten Erinnerungen des Seemannes. Seine Darstellung ist lapidar bis zur Kargheit. "Das Schiff sackte weg wie Blei, ich allein überlebte".
Er berichtet nicht, ob er auf Wrackteilen dem entfesselten Element widerstand; er sagt nur: "Das Meer warf mich auf eine Insel." Dort suchte er Schutz vor der sengenden Sonne. Drei Tage lang lag er am Strand, um neue Kraft zu schöpfen, bis ihn schließlich der Hunger "Feigen und Trauben, Lauch, Früchte und Gurken" finden ließ. Als der dankbare Schiffbrüchige sogar Vögel und Fische erbeutete, weihte er "den Göttern ein Brandopfer".
An dieser Stelle nimmt die Erzählung eine für Seefahrerchroniken der Antike typische Wendung - die Flucht ins Reich der Phantasie und der von keinerlei Realität getrübten Wunschträume. Es wird nämlich berichtet, ein Ungeheuer von riesigen Ausmaßen, fast 14 Meter lang, habe den Seemann, statt ihn zu verschlingen, in seine Höhle entführt. Das Tier, der Sprache des Seemanns mächtig, prophezeite ihm seine Rettung durch ein Schiff, das innerhalb von vier Monaten eintreffen würde. Die Prophezeiung erfüllte sich: Sechs Monate später konnte der Schiffbrüchige in seiner Heimat diese Geschichte niederschreiben - ein Zeugnis nicht nur der ältesten überlieferten Schiffskatastrophe, sondern zugleich der früheste Beweis für das auch damals schon blühende Seemannsgarn.
Es verwundert nicht, daß ein das Rote Meer befahrender ägyptischer Kaufmann diese Geschichte erzählt. Die ersten historisch bezeugten Seefahrer waren Ägypter und Mesopotamier, wenngleich wahrscheinlich auch anderswo Menschen auf seetüchtigen Fahrzeugen, vielleicht auf Einbäumen oder Schilfflößen, das Meer erkundet haben. In Fels gehauen, geben Hunderte von naiven, auf etwa 3000 v. Chr. datierte Darstellungen im Süden Ägyptens Auskunft über das Vorhandensein von Schiffen.
Freskenmalerei

 

Der Bildausschnitt rechts stammt aus einer Freskenmalerei, die von der ägyptischen Insel Thera stammt. Er zeigt eine der wenigen überlieferten Darstellungen minoischer Schiffe. Die festlich gekleideten Passagiere dieses mit einem Baldachin versehenen und von Paddeln angetriebenen Schiffes nehmen offenbar an einer Zeremonie teil.

 




Einige dieser Wasserfahrzeuge sind schon mit einfachen Segeln bestückt. Auf ägyptischen Krügen jener Zeit finden sich ähnliche Schiffsdarstellungen. Ausgrabungen in Mesopotamien haben an der Fundstelle Eridu sogar ein Schiffsmodell aus Ton zutage gefördert, das bereits um 3500 v. Chr. entstand. Es erinnert an ein Boot; auf der Verschalung der vorderen Schiffshälfte befindet sich jedoch ein möglicherweise für den Mast bestimmter Sockel, und beide Schandeckel weisen Vertiefungen auf, die der Verankerung von Stützen gedient haben können. Sollte dieses mehr als 5000 Jahre alte Schiff tatsächlich einen Mast getragen haben, so handelte es sich hier um den ältesten überlieferten Typ eines Seglers.
Die Seefahrer Ägyptens und Mesopotamiens, die sich über den Nil, den Euphrat und den Tigris auf das offene Meer vorwagten, verloren das Land jedoch kaum aus den Augen. Nach ihnen sollten aber Seeleute von ganz anderem Schlage den Kurs der Schiffahrt in der damals bekannten Welt bestimmen. Es blieb den wagemutigen Minoern vorbehalten, die Seewege im 2. Jahrtausend v. Chr. nach weit entlegenen Gebieten des Nordens wie des Westens von Kreta aus zu erkunden. Nach ihnen traten Phönizier und Griechen als unumschränkte Herren der Meere auf, die Handelsniederlassungen überall im mittelmeerischen Raum gründeten, bis dann ein Volk von ehemaligen Landratten auch auf den Meeren das Kommando übernahm: die Römer. Nur durch sie kam das Mittelmeer im Verlauf der Geschichte ein einziges Mal unter die Herrschaft einer Einzelmacht. In seinen gewaltigen Ausmaßen stellte es als Kernstück ihres Reiches einen Verbindungsweg dar, auf dem Scharen von Verwaltungsbeamten und Händlern römisches Gedankengut in die übrige Welt trugen. Die römische Herrschaft blieb ungebrochen, bis zu Beginn des Mittelalters im 5. Jahrhundert die antike Seefahrt zum erliegen kam.

Überreste einer Königsbarke

Das am besten erhaltene Schiff des Altertums ist gleichzeitig auch das älteste. 4500 Jahre lang deckte die Erde am Fuße der Großen Pyramide von Gizeh die Königsbarke des ägyptischen Pharaos Cheops; bevor sie im Jahre 1954 durch Zufall zwischen Überresten früherer Ausgrabungen entdeckt wurde. Die Barke hatte vermutlich ihren pharaonischen Besitzer den Nil hinab zu seiner Grabstätte getragen und war dort gelassen worden, um ihm im Jenseits zur Verfügung zu stehen.
Mit Gips verputzte Kalksteinquader verschlossen das Grab. In dieser praktisch luft- und wasserdichten Umgebung nahm das Holz keinen nennenswerten Schaden. Niemand vermag freilich zu sagen, weshalb die Untertanen des Pharaos das Schiff in genau 1224 Teile zerlegten und diese in 13 Schichten übereinander anordneten. So mußten sich die Archäologen wohl oder übel eine Lektion in Sachen Schiffbau von den alten Ägyptern erteilen lassen, galt es doch, die königliche Barke aus ihren Einzelteilen erneut zusammenzusetzen - eine mühevolle Aufgabe, die über zehn Jahre in Anspruch nahm.
Dabei erkannte man, daß die Ägypter des dritten vorchristlichen Jahrtausends ihre Boote nicht sehr viel anders bauten als die Griechen und die Römer nach ihnen. Von außen nach innen vorgehend, fügte man in einem ersten Arbeitsgang die Planken des Rumpfes zusammen, ehe das Gerippe mit Spieren und Spanten versteift wurde. Die moderne Konstruktionsweise in der Reihenfolge: Kiellegung - Verspantung - Verschalung setzte sich erst erheblich später, im Mittelalter durch.
Die Archäologen fanden außer den Holzteilen mehrere hundert Meter lange Seile aus Alfagras, die sie zunächst irrtümlich für die Takelage der königlichen Barke hielten. Nach langwierigen Rekonstruktionsversuchen erkannten sie des Rätsels Lösung.
Cheops' Schiff wurde von Seilen zusammengehalten. Da nasse Seile sich zusammenziehen und nasses Holz sich ausdehnt, entstand eine Spannung, die die Verschalung fugenlos zusammenpreßte.
Die rekonstruierte Barke des Cheops befindet sich in einem eigens für sie bestimmten Museum nahe der Großen Pyramide von Gizeh. Dort liegt sie in ähnlicher Abgeschiedenheit wie im Grab des Pharaos - nur in viel schlechterem Zustand. Jahrtausende in der Felskammer unter trockenem Wüstensand konnten ihr weniger anhaben als die zerstörerische Feuchtigkeit und der ständige Temperaturwechsel, denen sie seit ihrer Ausgrabung ausgesetzt ist.

Die gefährliche Irrfahrt eines legendären Helden
 

Der berühmteste Seefahrer der Antike ist Odysseus, der kraftstrotzende Held des ersten großen Seefahrerepos. Homer schrieb die Odyssee im 8. oder 9. Jahrhundert v. Chr., doch spielt das Geschehen ein halbes Jahrtausend früher, als das Mittelmeer für die Griechen in weitaus höherem Maße als zu Lebzeiten Homers eine Stätte noch unbekannter Gefahren und drohenden Unheils war, dem viele zum Opfer fielen.
Das Epos erzählt, wie Odysseus zehn Jahre auf der Suche nach seiner Heimat das Mittelmeer nach allen Richtungen durchirrt, nachdem er bereits zehn Jahre im Krieg gegen Troja mitgekämpft hatte. Überall lauern Gefahren auf ihn, die Homer gern mythisch personifiziert. So verkörpert ein Wesen mit Namen Charybdis die jedem Seefahrer bekannte Erscheinung eines Wasserwirbels, das Ungeheuer Skylla steht für eine von der Brandung gepeitschte Steilklippe. Andere Abenteuer sind noch phantastischer: Ein einäugiger Riese verschlingt Odysseus' Gefährten, die verführerischen Sirenen locken den Helden mit betörendem Gesang in eine felsige Untiefe, und eine Zauberin auf einer Insel verwandelt seine Getreuen mit einem Zauberstab in Schweine. Homer berichtete aber auch von hilfreichen Gestalten wie Äolus, dem Hüter der Winde, oder dem milden König Alkinoos, der den Helden nach seinem Schiffbruch mit einem neuen Schiff beschenkt.
Eine so lebensvolle Geschichte - bei den Griechen und den Römern nach ihnen gleichermaßen beliebt - war wie geschaffen, die Phantasie der Künstler anzuregen.
 
Zu den bedeutendsten bildlichen Darstellungen der Odyssee zählt eine Reihe von Fresken, die der Gelehrte und Maler Alessandro Allori um 1560 in einem florentinischen Palazzo schuf. Dantes Urteil, das Epos sei eine abenteuerliche Erfahrung für jeden, "der nach Tugend und Wissen strebe", weckte Alloris Interesse an der Odyssee.
Die Fresken geben zwar die große Lebendigkeit des Epos überzeugend wieder, doch wären die alten Griechen erstaunt gewesen, Homers Seefahrer in der Welt des 16. Jahrhunderts, der Zeit des Künstlers, angesiedelt zu sehen. Michelangelos Einfluß auf Allori wie auf viele seiner Zeitgenossen ist unverkennbar, wie ja die maskuline Darstellung des einäugigen massigen Zyklopen offenbart. Allori weist in der Figur der Nausikaa bereits auf jene sinnliche Gestaltung der Formen voraus, die erst ein Jahrhundert später zu voller künstlerischer Entfaltung gelangen sollte. In der Begegnung zwischen der jungen Prinzessin und Odysseus hebt er das Romantische hervor, beschreibt in eindrucksvoller Weise die plötzlich aufkeimende Liebe und Zuneigung, die sie für den glücklich geretteten Schiffbrüchigen empfindet.
Alloris Renaissancestil kann der unmittelbaren Wirkung des Epos jedoch nichts anhaben, denn es ist zeitlos. Es überdauert die Jahrhunderte auf Bildern und in Büchern als eine Huldigung Homers an die antiken Seefahrer und setzt vor allem dem Meer ein Denkmal, jener uralten Welt voller unergründlicher Geheimnisse und zaubrischer Wunder, die von jeher die Phantasie der Abenteurer zum Aufbruch nach neuen Ufern reizt.

Zum großen Teil besteht das homerische Epos aus einem Bericht, den Odysseus dem Alkinoos, dem Vater Nausikaas, von seinen Irrfahrten gibt. Dieser verhilft dem Helden zur Rückkehr in seine Heimat. Die Szene zeigt Nausikaa, die in einer verschwiegenen Waldlichtung auf den schiffbrüchigen Odysseus trifft.
In einer grausamen Episode des Epos blenden Odysseus und seine Gefährten, die in einer Höhle gefangen sind, ihren Bewacher, den einäugigen Zyklopen Polyphem, mit einem glühenden Pfahl. Den Abenteurern gelang es, dem blindwütigen Riesen zu entfliehen. Sie entkamen auf dem in der Nähe am Strand liegenden Schiff.
Zu den seltenen glücklichen Abenteuern des Odysseus gehört sein Aufenthalt auf der Insel des Äolus, dem Hüter der Winde. Äolus überreicht dem Helden einen Sack, der die Winde aller Himmelsrichtungen enthält.

Nachdem Riesen die meisten seiner Schiffe versenkt haben, landet Odysseus auf der Insel der Zauberin Kirke, die, wie er zu seinem Schrecken erkennen muß, Männer mit ihrem Zauberstab in Tiere verwandelt. Allori zeigt, wie der Gott Hermes dem Odysseus einen schützenden Talisman schenkt.
Die Begegnung mit den Ungeheuern Skylla und Charybdis zählte zu den gefährlichsten Abenteuern, die Odysseus zu bestehen hatte. Dieser umschifft den von Charybdis ausgespieenen Wasserwirbel, doch müssen sechs seiner Gefährten ihr Leben in dem alles verschlingenden Rachen der Skylla lassen.
Odysseus, von Kirke vor dem verführerischen Gesang der Sirenen gewarnt, befahl seinen Gefährten, sich die Ohren zu verstopfen, ließ sich selbst jedoch an den Mastbaum fesseln und steuerte so sicher an den felsigen Untiefen vorbei. Die in Kriegsrüstung dargestellten Achäer trugen in Wirklichkeit nur Lendentücher.

 

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